Für Ruth Biallowons sind Krankheiten oft Ausdruck eines Körpers, der ums Überleben kämpft. In ihrem Buch Körperweisheit plädiert die Autorin für einen Perspektivenwechsel: weg von der reinen Symptombehandlung, hin zu einem Verständnis biologischer Zusammenhänge. Im Interview spricht sie über Energie, chronische Erschöpfung und die Frage, warum viele Betroffene sich trotz unauffälliger Befunde nicht gesund fühlen.
Krankheiten sind Namen für Systeme ohne Energie. Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass die klassische Medizin an ihre Grenzen stößt?
Schon früh in der Rettungsmedizin, die ich bis heute liebe – aber sobald ich auf chronisch Kranke schaute, hatte das System nur eine Antwort: Symptom unterdrücken. Ich sah immer wieder Menschen mit „normalen“ Werten, die sich todmüde fühlten, und verstand: Symptomunterdrückung gibt eine vermeintliche Sicherheit, aber keinen Schutz vor Krankheit und erklärt eben auch nicht, wie die Lösung aussehen könnte.
Wie lernen wir, die Priorisierung des Körpers als Überlebensintelligenz statt als Versagen zu sehen?
Indem wir aufhören, den Körper für seine klügste Fähigkeit zu bestrafen. Wenn er Verdauung oder Hormone herunterfährt, ist das kein Defekt, sondern eine Entscheidung fürs Überleben – der Tiger ist heute nur der Chef oder der eigene Glaubenssatz. Erst sollten wir dem Körper für seine Weisheit dankbar sein, und dann zeigen wir ihm mit Energie und Sicherheit, dass der Tiger weg ist.
Was sagst du jemandem, der erschöpft und austherapiert feststeckt, ohne klare Diagnose?
Dein Gefühl war schon immer richtig – das ist keine Einbildung, sondern eine Fehlregulation, die nur niemand benannt hat. Wir fangen nicht bei der Diagnose an, sondern bei Energie und Sicherheit, und zwar ganz klein: manchmal reicht erstmal ruhiges Atmen, fünf Sekunden ein, fünf aus. Du musst den Weg nicht heute zu Ende gehen, du musst nur anfangen. Es braucht einen roten Faden, dann kann man nahezu alles verbessern.
Warum ist der systemische Blick wirksamer als Symptombekämpfung?
Weil nichts in dir isoliert geschieht – dein Körper ist ein Orchester, kein Sammelsurium von Ersatzteilen, und sechs Systeme teilen sich ein begrenztes Energiebudget. Ich suche deshalb nicht das eine kaputte Teil, sondern das führende System, das die Energie zieht. Wer nur Symptome unterdrückt, bringt den Körper zum Schweigen und nimmt ihm sein wichtigstes Werkzeug: die Kommunikation in Form von „Symptomen“.
Verständnis vermitteln oder ins Handeln bringen – was war dir wichtiger?
Beides, aber in dieser Reihenfolge: Ich habe das Buch als Lexikon angelegt, das dir die Sprache deines Körpers übersetzt – denn wer versteht, kann sich selbst begleiten. Damit es nicht beim Wissen bleibt, gebe ich konkrete Tools an die Hand, vom Energie-Score bis zum 4-Wochen-Reset. Entscheidend ist dabei die tägliche kleine Einheit, nicht der seltene Kraftakt.
Was würde sich im Gesundheitssystem ändern, wenn „der Körper reguliert sich selbst“ wirklich ernst genommen würde?
Die Grundfrage würde sich drehen: weg von „Welches Symptom müssen wir unterdrücken?“ hin zu „Kann dein System flexibel reagieren und wieder zur Ruhe kommen und was braucht es dazu?“. Wir würden wieder zuhören, die ganze Geschichte sehen statt einzelner Werte, und Zeit als Heilmittel anerkennen. Und der Mensch würde vom Patientenfall zum Mitgestalter – Medizin, die nicht nur behandelt, sondern ermächtigt.
