Sechs Ehen, Exil und Krieg, Weltbestseller und große Skandale: Hans Habe (1911–1977) führte ein Leben, das Stoff für mehrere Romane bieten würde. Susanne Falk hat viele Jahre recherchiert, über Habe dissertiert und legt nun die mit dem MOLDEN Sachbuchstipendium ausgezeichnete Biografie vor: Feindbegegnung. Hans Habe. Eine Biografie.
Du hast dich über viele Jahre wissenschaftlich mit Hans Habe beschäftigt. Gab es einen Moment in deiner Recherche, in dem aus dem Forschungsobjekt plötzlich ein Mensch wurde?
Ja, den gab es tatsächlich. In dem Augenblick, in dem ich den Briefwechsel mit seiner fünften Ehefrau zum Tode seiner Tochter Marina gelesen habe, wurde Habe plötzlich vom Forschungsobjekt zum trauernden Vater. Seine Tochter gilt ja als ein mögliches Mordopfer der Manson Family, der Fall ist auch bis heute nicht geklärt. So verletzt, so verzweifelt und schutzlos, wie diese verwaisten Eltern sich in diesem Briefwechsel zeigen, hatte das nichts mehr mit dem zu tun, was Habe gerne als Bild von sich nach außen transportierte. Da war er plötzlich nicht mehr der Bestsellerautor, scharfzüngige Journalist und Dandy, sondern nur noch ein zutiefst unglücklicher Mensch. Die teuren Anzüge, die Villa, die Yacht – das verliert im Angesicht des Todes eines Kindes komplett an Bedeutung. Dennoch waren ihm diese materiellen Dinge bis zum Schluss wichtig, eben weil sie halfen, ein Bild zu transportieren, das den wahren Kern verschleiern konnte. Die geschönte Fassade musste da plötzlich ganz viel im Inneren zusammenhalten. Der Verlust seiner Tochter hat dazu geführt, dass Habe die letzten acht Jahre seines Lebens ein ziemlich schizophrenes Dasein geführt hat. Nach außen hin ließ er sich nichts anmerken, schrieb weiter sehr erfolgreich, trat öffentlich auf. Alles war quasi „business as usual“. Innen drin sah es aber ganz anders aus. Mit so einem Blick hinter die Fassade hatte ich bei meinen anfänglichen Recherchen nicht gerechnet und es hat mich zutiefst berührt, diese Briefe zu lesen. Das tut es auch heute noch.
Hans Habe war Bestsellerautor, Kriegsreporter, Exilant, Medienmacher und Provokateur. Welche Seite an ihm hat dich am meisten überrascht und welche hat dich persönlich am meisten irritiert?
Es gibt schon so einige Seiten an Hans Habe, die ich schwierig finde, etwa seine verbissene Gegnerschaft den 68ern gegenüber, wobei diese vor allem auf der propalästinensischen Haltung der Studentenbewegung beruhte, die Habe als exilierter Jude einfach ablehnen musste. Dass er sich aber so vehement gegen gesellschaftlichen Wandel gestellt hat, war dann doch irritierend. Habes erzkonservative Haltung gegenüber Frauen war auch damals schon problematisch, detto sein Umgang mit seinen sechs Ehefrauen.
Bewundert habe ich dagegen vor allem den mutigen Exilanten in ihm, der ja gleich zweimal gegen Nazideutschland gekämpft hat, zunächst auf Seiten der Franzosen und später dann für die USA. Das ist schon ungewöhnlich und verdient zweifelsfrei Anerkennung. Und als Reporter war Habe tatsächlich brillant. Dennoch war mit ihm auch als Forschungsobjekt nicht immer leicht auszukommen, besonders seiner enormen Eitelkeit wegen. Da hätte ich ihn manchmal gerne schütteln wollen und sagen: Komm mal runter von deinem hohen Ross!
In deinem Buch beschreibst du einen Mann, der sich sein Leben lang Feinde gemacht hat. War Hans Habe ein mutiger Wahrheitskämpfer oder oft auch sein eigener größter Gegner?
Er war beides. Habe hat sich ja, wie gesagt, mit vollem Einsatz dem Kampf gegen den Nationalsozialismus verschrieben und nach 1945 in Deutschland sehr viel zum Wiederaufbau einer freien Presse beigetragen, indem er im Dienst der Amerikaner zahlreiche Zeitungen neu gegründet und bis heute gültige journalistische Standards eingeführt hat. Das kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen. Unsere Presselandschaft würde heute ganz anders aussehen ohne Hans Habe. Andererseits stand er sich als Mensch ständig selbst im Weg und hat zahlreiche Ehrenbeleidigungsprozesse geführt – nicht nur aus heutiger Sicht war das ziemlich unnötig und machte ihn zu einem schwierigen Zeitgenossen.
Die Ermordung seiner Tochter Marina gehört bestimmt zu den tragischsten Kapiteln seines Lebens. Aber da war noch viel mehr Drama.
Sehr viel mehr Drama! Da ist einmal der spektakuläre Bankrott des Vaters Imre Békessy, dessen Wiener Zeitungen 1926 in die Pleite schlittern und der sich dann mehrere Jahre in einem öffentlich ausgetragenen Konflikt mit Karl Kraus verzettelt. Dann wird Habe gleich zweimal exiliert, einmal als Kind, als die Familie 1919 aus Ungarn fliegen muss und 1938 wird Habe aus Österreich ausgebürgert. Das ist ja nicht nichts, wenn man zweimal quasi über Nacht staatenlos wird. Dann sind da die Kriegseinsätze und das Schicksalsjahr 1951, in dem sich seine Eltern zusammen das Leben nehmen. Das hat Habe zwar in seinen Memoiren öffentlich thematisiert, aber verwunden hat er es nie, vor allem nicht den Umstand, dass der suizidale Vater auch die Mutter mit in den Tod nahm. Und dann sind da natürlich die fünf gescheiterten Ehen, die Misserfolge als Herausgeber, die Freunde, die er am Weg verliert, weil er sich mit ihnen entzweit, wie z.B. Hilde Spiel und Erika Mann. Beide Frauen waren sehr wichtig für Habe. Und nicht zu vergessen die vielen, vielen Anfeindungen, denen er als Autor jüdischer Herkunft ausgesetzt war. Die Morddrohungen, die dieser Mann erhalten hat, füllen im Nachlass eine eigene Mappe! Da war also neben den großen Erfolgen als Reporter, der etwa den Familiennamen Hitlers entdeckt, und als Schriftsteller mit einer kolportierten Gesamtauflage von etwa 14 Millionen weltweit, auch ganz viel Tragik in Habes Leben. Aber der Tod seiner Tochter war sicher das schlimmste Ereignis von allen.
Wenn Hans Habe heute als junger Journalist in einer Welt von Social Media, Polarisierung und Meinungskämpfen leben würde: Wäre er gefeierter Influencer, gefürchteter Kolumnist oder permanenter Shitstorm-Kandidat?
Er wäre heute vermutlich ein gefürchteter Kolumnist und hätte sicher so einige Shitstorms in Orkangröße überstehen müssen. Er war ja schon zu Lebzeiten sehr erfolgreich mit seinen Kolumnen in den Springer-Medien. Das wäre er heute vermutlich auch. Andererseits wäre er ziemlich sicher von seiner uneingeschränkten proamerikanischen Haltung abgerückt, die ihn ja letztlich auch seine enge Freundschaft mit Erika Mann gekostet hat. Er war zwar konservativ, aber auch ein Anhänger John F. Kennedys. Ihm war etwa der Rassismus der 1960er Jahre in den USA zutiefst zuwider. Ich kann mir also vorstellen, wie Habe auf die MAGA-Bewegung von heute reagiert hätte und das wäre dann doch interessant geworden. Wahrscheinlich hätte er hier noch einmal eine ganz neue Seite von sich zeigen können.
Warum kennen wir heute viele weit weniger bedeutende Medienfiguren aber kaum noch Hans Habe, obwohl er die deutschsprachige Medienlandschaft nach 1945 maßgeblich mitgeprägt hat?
Das liegt vermutlich daran, dass er einfach früher gestorben ist als andere Kollegen seines Kalibers. Habe wurde ja nur 66 Jahre alt (1911-1977). Als Schriftsteller spielte er zu Lebzeiten in der gleichen Erfolgsliga wie Heinz G. Konsalik, Utta Danella oder Johannes Mario Simmel, nur haben die ihn deutlich überlebt. Ein Autor ist am Buchmarkt schnell vergessen, obwohl Habes Buch „Ob tausend fallen“ in einer Reihe stehen kann mit Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“.
Und Journalisten, wenn sie nicht gerade Egon Erwin Kisch heißen, sind, insbesondere wenn sie für die Tagespresse schreiben, oft schnell wieder vergessen, so bedeutend sie auch waren.
