Schwarz Weiß Portrait von Hubert Trübel

Mit seinem Buch Longevity – Die Anti-Bullshit-Formel liefert uns Prof. Dr. med. Hubert Trübel Fakten pur und erklärt, was uns wirklich jung hält.

Sie schreiben „Altern ist gestaltbar“. Wo sehen Sie biologische, soziale und nicht zuletzt auch ökonomische Grenzen?

Biologische Grenzen erreichen wir alle irgendwann, spätestens im achten oder neunten Lebensjahrzehnt. Mein Anliegen ist nicht, diese Grenze grundsätzlich zu verschieben oder gar „nicht zu erreichen“, sondern die Jahre bis dahin so gesund, selbstbestimmt und aktiv wie möglich zu gestalten und Kranksein am Lebensende zu komprimieren. Bei minimalem Investment ergibt sich daraus ein erheblicher „return-on-investment“. Bedenken Sie, dass westliche Gesellschaften im Schnitt je Einwohner 10 (!) gesunde Lebensjahre – vor allem durch schlechte Lebensgewohnheiten – verschenken. Wenn wir nur eines dieser 10 Jahre länger frei von chronischer Krankheit verbringen, dann, multipliziert mit dem pro Kopf Bruttosozialprodukt, ergeben sich hier enorme ökonomische Potentiale.  

Sie sprechen von „Alter als Krankheit – auch eine Chance?“. Welche medizinischen Interventionen sind heute evidenzbasiert sinnvoll und wo beginnt gefährliche Überinterpretation von Laborwerten und Studien?

Evidenzbasiert sind heute vor allem Prävention, regelmäßige Bewegung, eine wenig verarbeitete (UPF-arme), überwiegend pflanzenbasierte Ernährung sowie eine gute Balance aus Stress und Erholung – ergänzt durch Sinn und soziale Einbindung. Gefährliche Überinterpretation beginnt dort, wo Marker und Laborwerte zur „Pseudo-Optimierung“ verleiten, ohne dass ein relevanter Nutzen belegt ist. Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel z.B. lenken dabei oft vom Wesentlichen ab und sind meist nur bei klarer Indikation bzw. nachgewiesenem Mangel sinnvoll.

Ihr 6-Wochen-No-Bullshit-Plan verspricht Umsetzung statt Erkenntnis. Was macht Sie zuversichtlich, dass die Leser:innen die Empfehlungen auch tatsächlich umsetzen?

Am Ende ist natürlich jede und jeder seines eigenen Glückes Schmied. Genau deshalb erkläre ich in meinem Buch – auf Basis aktueller Motivations- und Verhaltenskonzepte – ganz konkret, wie man Gewohnheiten aufbaut und Veränderungen im Alltag verankert. Und wer möchte, kann unsere App ergänzend nutzen, um das Gelernte zu vertiefen, Fortschritte sichtbar zu machen und dranzubleiben.  

Sie betonen die Rolle von Beruf(ung) und echten Sozialkontakten. Wie realistisch ist dieser Hebel in einer Arbeitswelt, die für viele chronischen Stress, Prekarität oder Isolation bedeutet?

Auch in einer Arbeitswelt, die für viele von chronischem Stress, Prekarität oder Isolation geprägt ist, bleiben die in meinem Buch ausgeführten Stellschrauben realistisch – nur eben nicht als (einmaliger) „großer Wurf“, sondern über kleine, gut integrierbare Schritte. Bereits niedrigschwellige Interventionen wie z.B. Journaling, Reframing oder kurze, feste Kontakt-Routinen (z. B. ein wöchentlicher Check-in mit einer Person) können spürbare Effekte auf Belastungserleben, Handlungsfähigkeit und Verbundenheit haben. Genau deshalb fokussiere ich in meinem Buch vor allem auf Maßnahmen, die alltagstauglich, nahezu kostenlos und auch unter schwierigen Bedingungen umsetzbar sind – nicht auf idealisierte Lebensentwürfe. Nebenbei bemerkt: Ich habe auch bewusst das Bild einer Schraube gewählt, weil diese bereits durch kleine Bewegungen beim Eindrehen sehr starke Halteeffekte erzeugen können…