Über Tod und Trauer zu sprechen fällt vielen schwer – aus Unsicherheit, Angst oder Überforderung. Für Trauernde bedeutet das: Neben dem Verlust erleben sie oft auch Einsamkeit und Sprachlosigkeit. 50 Fragen an die Trauer, das neue Buch von Sylvia Brathuhn und Rainer Simader schafft Abhilfe.

Bücher über Trauer gibt es ja unzählige. Was unterscheidet euer Buch von anderen?

Unser Buch beginnt nicht mit Antworten, sondern mit Fragen – mit Fragen, die trauernde Menschen tatsächlich beschäftigen und die manchmal kaum ausgesprochen werden. Wir möchten Trauer verständlicher machen, ohne sie zu erklären, ohne Ratschläge zu erteilen oder in ein Schema zu pressen. Und wir möchten Menschen ermutigen, ihrer eigenen Trauer zu vertrauen. Unser Buch basiert auf dem Grundsatz, dass Trauer immer ein sehr individueller Prozess ist. Trauernde Menschen werden durch unser Buch befähigt, ihre eigenen Fragen zu beantworten.

Trauer wird oft als Prozess beschrieben, den man irgendwann „bewältigt“. Ist diese Vorstellung falsch und wenn ja, welches Bild von Trauer wäre treffender?

Wir sprechen bewusst nicht von „Trauerbewältigung“. Einen geliebten Menschen und die gemeinsame Geschichte kann und muss man nicht bewältigen. Trauer lässt sich nicht gewaltsam unter Kontrolle bringen. Sie ist eine menschliche Kompetenz und zugleich ein Selbstheilungsprozess, der uns hilft, mit einem Verlust leben zu lernen. Auch die häufige Aufforderung, einen verstorbenen Menschen „loszulassen“, erscheint uns geradezu absurd: Warum sollten wir einen Menschen loslassen, den wir geliebt haben? Trauer bedeutet vielmehr, der Liebe, der gemeinsamen Geschichte und auch dem Vermissen einen neuen Platz im eigenen Leben zu geben.

Trauernde erleben neben ihrem Verlust häufig auch Einsamkeit und Sprachlosigkeit. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus: Haben wir verlernt, Trauer auszuhalten?

Ob wir es verlernt haben, wissen wir gar nicht, denn das würde voraussetzen, dass wir es einmal konnten. Sterben und Tod wurden in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr institutionalisiert und soziale Systeme haben sich deutlich geändert. So gab und gibt es immer weniger Möglichkeiten auch an der Trauer zu wachsen. Wir erleben eine große Hilflosigkeit im Umgang mit Tod und Trauer. Wenn ein Mensch stirbt, fehlen oft die Worte und die Sicherheit, wie wir einander begegnen können. Das dürfen und müssen wir immer wieder neu lernen. Gleichzeitig entstehen zunehmend Orte und Formate, die genau dazu einladen: Death Cafés, öffentliche Gesprächsveranstaltungen oder Podcasts wie „Sterben ist das Allerletzte“, den Rainer Simader ins Leben gerufen hat. Sie bringen Sterben, Tod und Trauer dorthin zurück, wo sie hingehören: mitten ins Leben und mitten ins Gespräch. Nach unserem Verständnis geht es weniger darum, Trauer „auszuhalten“, als ihr und den trauernden Menschen Raum für Ausdruck zu geben.

Welche gut gemeinten Sätze sollten Angehörige und Freunde einem trauernden Menschen besser niemals sagen?

Besonders vorsichtig wären wir mit den berühmten „Du-musst-Sätzen“: „Du musst stark sein“, „Du musst nach vorne schauen“, „Du musst dich ablenken.“ Trauernde haben schon genug damit zu tun, sich in einer veränderten Welt zurechtzufinden, da brauchen sie nicht auch noch einen Stundenplan für „richtiges Trauern“. Und auch „Die Zeit heilt alle Wunden“ darf getrost in der Schublade bleiben. Hilfreicher ist oft eine einfache, ehrliche Frage: „Wie ist es für dich?“ „Wie kommst du gerade zurecht?“ Und dann kommt der schwierigere und gleichzeitige so wichtige Teil: wirklich zuhören, ohne gleich eine Antwort oder einen guten Rat parat zu haben.

„Darf ich wieder lachen?“ ist eine der Fragen rund um Trauer. Warum kann ausgerechnet ein schöner Moment bei Trauernden Schuldgefühle auslösen?  

Manchmal erschrecken Trauernde fast über ihr eigenes Lachen. Eben war die Trauer noch so nah, und plötzlich ist da Leichtigkeit. Und schon meldet sich das schlechte Gewissen: Darf ich das überhaupt? Verrate ich damit den Menschen, um den ich trauere? Bin ich ihm noch genauso verbunden, wenn ich mich gerade freue? Solche Schuldgefühle können entstehen, weil wir Liebe und Trauer unbewusst miteinander verknüpfen: Je größer die Liebe, desto größer und dauerhafter müsse auch der Schmerz sein. Aber Liebe lässt sich nicht an der Menge der Tränen messen. Ein Lachen nimmt dem Vermissen nichts weg und der Liebe schon gar nicht. Trauer kann weinen und lachen, vermissen und genießen, manchmal alles an einem einzigen Tag oder sogar in einem einzigen Moment sein.

Cover des Buches "50 Fragen an die Trauer"