Still, still, still

Der Ochsen Weissagung

© (c) Sammlung Dr. Ingrid Hänsel Bild vergrößern Foto: (c) Sammlung Dr. Ingrid Hänsel

Am Heiligen Abend versorgten die Bauern ihr Stallvieh mit besonderer Aufmerksamkeit. Die Tiere erhielten eine reichliche Maulgabe, meist mit einem Stück Brot, das mit Weihwasser besprengt wurde, und Palmkatzerln sowie frische Streu – wer ansonsten nur Laubstreu verwendete, geizte an diesem Abend nicht mit wunderbar trockenem Stroh. Am Christmorgen ließ man sie vielfach teilhaben am Segen der „heiligen Nacht“: In manchen Kärntner Gegenden gab man ihnen „Wacholderleck“, ein Gemisch aus Gersten- und Bohnenschrot, dem man gedroschene Wacholderzweige beimengte, andernorts „Mettenheu“, das man im Freien gelagert hatte, damit es vomTau der Christnacht benetzt würde, oder auch ein eigenes Brot, das man aus allen verfügbaren Getreidearten gebacken hatte.

In Dietmanns im Waldviertel pflegte man beim Dreschen die letzte Hafergarbe für die Tiere zu Weihnachten aufzusparen.
Am Abend, vor dem gemeinsamen großen Gebet, räucherte man den Stall auch wieder aus, um die bösen Geister fernzuhalten. Man glaubte, dass die Tiere in dieser Nacht für eine oder auch mehrere Stunden die Fähigkeit hätten, in menschlicher Sprache zu reden und sich bei dieser Gelegenheit die Ereignisse des kommenden Jahres erzählen würden. Wer es geschickt anfing und den Heiligen Abend streng als Fasttag eingehalten hatte, konnte, wie die folgende Sage zeigt, die Tiere sogar belauschen und Wichtiges in Erfahrung bringen:
Vor langen Zeiten besaßen die Tiere die Gabe, in der Heiligen Nacht zwischen elf und zwölf mit menschlicher Stimme zu reden.

Damals diente bei einem Bauern ein fleißiger und treuer Knecht, der ging einmal zu Weihnachten um halb zwölf in den Stall und legte sich schlafen. Kaum aber hatte er sich zur Ruhe begeben, als einer der beiden Zugochsen zu sprechen begann: „Morgen muss unser guter Herr sterben.Wenn der Bauer zu Mittag isst, bleibt ihm ein Knochensplitter, der im Kraut liegt, im Hals stecken. So wird er ersticken, und wir müssen ihn auf den Friedhof ziehen.“ „Das wird freilich eine schwere Last für uns sein“, antwortete der zweite Ochse. Der Knecht hörte deutlich, was die beiden Tiere miteinander redeten, verhielt sich aber ganz still. Als am nächsten Mittag alle um den Tisch saßen, schnitt sich der Bauer das Fleisch und nahm Kraut auf seinen Teller. Sobald er aber die erste Gabel zum Munde führte, schlug sie ihm der Knecht rasch herab. Der Bauer sah den guten Hansl großmächtig an, dann griff er um die zweite Gabel, doch der Knecht schlug sie wieder herab. „Was machst du denn?“, fragte der Bauer.

Indes, auch beim dritten Mal konnte er die Speise nicht zum Mund führen. Da sagte er voll Unmut: „Hansl, ich hab dich immer gerngehabt, aber jetzt ist deine Zeit aus, du kannst gehen!“

Nun erst rückte der Knecht mit der Sprache heraus und erzählte, was er in der Nacht vernommen hatte. Da durchsuchten sie das Kraut und fanden richtig ein spitziges Knöchlein darin. Von da ab hielt der Bauer den Hansl wie sein eigen Kind und stattete den treuen Knecht auch noch für die Hochzeit aus.

Für neugierige Mädchen, die gerne etwas über ihr zukünftiges Liebesleben in Erfahrung bringen wollten, bot die Christnacht nach der Thomasnacht eine zweite Chance. Sie konnten in den Hühnerstall gehen, auf die Hühnersteige klopfen und folgenden aus dem Lavanttal überlieferten Spruch sagen: „Gackert der Hahn, so krieg i an Mann, gackert die Henn, so woaß i nit wen.“

Wem dies zu wenig aussagekräftig war, der konnte es mit einem Apfel versuchen, den er oder sie in die Mette mitnahm. Wer just bei der Wandlung in diesen Apfel biss, anschließend schweigend nach Hause ging und sich am Christmorgen vor das Haustor stellte, durfte damit rechnen, dass der oder die Zukünftige des Weges kommen würde.

Anstrengender war ein weiterer Orakelbrauch, der vorsah, vom Heiligen Abend an die drei folgenden Nächte durchzuwachen – in der vierten Nacht ohne Schlaf sollte das Bild der Braut oder des Bräutigams vor dem geistigen Auge erscheinen.

€ 30,00
Hardcover
20,5 x 27 cm; 208 Seiten
ISBN 978-3-222-13683-2
Erscheinungstermin: 23/09/2021
Sofort lieferbar

Weihnachtszeit wie damals

Dieses stimmungsvolle Lese- und Backbuch nimmt uns mit auf eine nostalgische Zeitreise zurück in die weihnachtliche Welt unserer Urgroßväter und Großeltern. Es versammelt Hinweise aus Memoiren, Tagebüchern und Reiseberichten, bringt Geschichten und Erinnerungen an eine längst versunkene Zeit.

Köstliche Keks- und Plätzchenrezepte erinnern an Adventsonntage bei der Oma. Der Duft von Vanille und Zimt zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht, während wir so manch Wissenswertes über Krippenspiele und kitschige Weihnachtspoesie, über Nikolaus und Krampus, über Christkind und Christmette erfahren. Geschichten und Gedichte von den ersten Christbäumen, von Weihnachtseinkäufen und uraltem Brauchtum lassen so den einzigartigen Zauber des Fests von anno dazumal noch einmal lebendig werden und uns mit Glanz und Glück erstrahlen.

• Ein wunderschönes Hausbuch für die ganze Familie zum Schwelgen, Lesen und Schenken
• Nostalgische Weihnachtsstimmung mit Geschichten, Gedichten u. v. m.
 

Johannes Sachslehner, geb. 1957 in Scheibbs, studierte an der Universität Wien Germanistik und Geschichte (Dr. phil.) und unterrichtete von 1982 bis 1985 an der Jagiellonen- Universität Krakau als Gastlektor für deutsche Sprache und Literatur, seit 1989 Verlagslektor. Zahlreiche Publikationen zu historischen und kulturhistorischen Themen.

Ingrid Pernkopf verkörperte österreichische Alltagsküche wie keine andere. Die Gmundnerin führte bis zu ihrem Tod 2016 mit ihrem Mann Franz das Gasthaus „Grünberg am See“. Basierend auf dem Fundus ihrer Großmutter sammelte und entwickelte sie all jene Rezepte, die bis heute überzeugen.

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Still, still, still

€ 30,00
Hardcover
20,5 x 27 cm; 208 Seiten
ISBN 978-3-222-13683-2
Erscheinungstermin: 23/09/2021
Sofort lieferbar
9783222136832 - Still, still, still
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