Leseprobe "Kunst aus Österreich"

Kiki Kogelnik

Warhol, weiblich: Die Kärntnerin Kiki Kogelnik ist ein euphorisches, ewig rastloses Original mit grenzenloser Fantasie. Künstlerin zu sein ist für sie kein Beruf, sondern „eine Form zu existieren, eine passionierte Art ein Mensch zu sein.“

© (c) Michael Horowitz Bild vergrößern Foto: (c) Michael Horowitz

Im schicksalhaften Sommer des Jahres 1969 betritt der erste Mensch den Mond.

Während des Zwölf-Minuten-Landemanövers funkt Neil Armstrong: „ziemlich felsige Gegend“. Am 12. Juli, um 15.17 Uhr, empfängt die NASA in Houston die ersten Worte eines Menschen von der Oberfläche eines fremden Himmelskörpers:
„Maschinen aus. Houston, hier ist Tranquility Base. Der Adler ist gelandet“. Fast 110 Stunden nach dem Abflug von der Erde öffnet Armstrong die Luke des Eagle. Die Oberfläche sei von einem feinen, geradezu puderhaften Material bedeckt, berichtet er von der Leiter aus und betritt den Mond.

Mehr als eine halbe Milliarde Menschen jubeln weltweit vor dem Fernseher. Auch in Österreich.

Hugo Portisch und Kollegen berichten 28 Stunden und 28 Minuten lang von der Apollo- 11-Mission.

Und während der ORF-Liveübertragung findet in der Wiener Avantgarde-„Galerie nächst St. Stepan“ ein Moon Happening statt: Die extravagante Kärntner Künstlerin Kiki Kogelnik produziert stundenlang ohne Pause – während Portisch & Co immer wieder jedes Detail der Mondlandung kommentieren – eine Serie von 500 mondthematischen Space-Art-Siebdrucken.

Bereits zwei Jahre zuvor hat sie in der Galerie des Priesters und Kunstmäzens Otto Mauer mit ihrer Ausstellung „Kunst kommt von künstlich“ für Aufsehen gesorgt.

1969 ist auch jenes Jahr, in dem Andy Warhol – der Jahrzehnte vor der Selfie- und Social-Media- Welle mit seiner Polaroidkamera Rockstars, Präsidenten und Pornodarsteller fotografiert – das Kultmagazin Interview gründet. Bereits 1961 war Kiki Kogelnik an den Broadway nach New York gezogen und wurde später Ateliernachbarin von Andy Warhol. 1968 hätte Warhol das Attentat einer Feministin fast nicht überlebt: Sie schießt ihm aus nächster Nähe in die Brust, er wälzt sich schreiend auf dem Boden, verspürt „unerträglichen Schmerz“. Bereits klinisch tot muss Warhol reanimiert werden und meint später: „Ich sah aus wie ein Yves-Saint-Laurent- Kleid, lauter Nähte“.

1964 schwärmt der Kunstkritiker Robert Fulford im Toronto Daily Star von der Kärntner Künstlerin Kogelnik: „Kiki is an original. Her style is part bohemian, part film star, part intellectual.“ Österreichs einzige Pop-Art-Künstlerin – sie selbst ist mit dieser Etikettierung nie einverstanden – entscheidet sich schon früh für eine Existenz zwischen Pose, Performance und Pop-Ästhetik.

Leben und Kunst gehen eine harmonische Verbindung ein. Eine Strategie die funktioniert: Kogelnik entwickelt sich zu einer schillernden Figur, zu einer Art weiblicher Andy Warhol. Und die Kärntnerin wird zu einer der Vorreiterinnen der internationalen Performance-Kunst.

Vor 85 Jahren in Graz geboren, verbringt Kogelnik ihre Kindheit und Jugend in der 4.000-Seelen- Gemeinde Bleiburg im Jauntal. Bald wird der euphorisch- ruhelosen jungen Frau die Provinz zu eng: Schon während der 1950er-Jahre zählt Kiki Kogelnik an der Akademie der bildenden Künste neben Arnulf Rainer, Josef Mikl und Maria Lassnig zum Kreis der jungen Avantgarde Wiens.
Nach einem Studienaufenthalt 1959 in Paris – wo sie den Bildhauer Cäsar Baldaccini und Vertreter des Action Painting wie Jean-Paul Riopelle kennenlernt – zieht es die Künstlerin nach Amerika, nachdem sie der befreundete Maler Sam Francis in Paris dazu überredet hat. Ein Jahr bleibt sie in Kalifornien und übersiedelt 1961 nach New York. Am Broadway errichtet sie ihr eigenwilliges Artelier.

Die kommunikative Kärntnerin erobert die Kunstszene zwischen Brooklyn und Manhattan im Sturm und findet Anschluss an den New Yorker Kreis um Andy Warhol und Claes Oldenburg, Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg – die dabei sind, die Pop-Art als Gegenpol zum abstrakten Expressionismus zu entwickeln.

Durch ihre schrägen Outfits wird die junge, aufstrebende Pop-Art-Künstlerin aus Österreich selbst zum wandelnden Happening.

Im Gegensatz zu Andy Warhol vermeidet Kogelnik die Verherrlichung des Kommerzes und die Darstellung alltäglicher Objekte wie Cola-Flaschen oder Campbell-Suppendosen. Die extravagante Performerin produziert Space-Art-Bilder als ihre subjektive Variante der Pop-Art. Und Hangings- Skulpturen aus Packpapier-Körperumrissen ihrer Künstlerfreunde, deren Silhouetten sie danach als Gemälde auf die Leinwand überträgt. Es sind Arbeiten, die heute zu ihren wichtigsten zählen.

1966 heiratet Kogelnik in London den Onkologen George Schwarz, bereits ein Jahr später kehrt sie nach der Geburt ihres Sohnes Mono nach New York zurück. Und kommt zwischendurch immer wieder ins heimatliche Österreich. Für nur kurze Zeit.

Zurück in New York gibt sie sich voller Ironie und Lust wieder als Art-Superwoman, die im Skulpturengarten des Museum of Modern Art in einem bodenlangen, schwarzen Ledermantel posiert oder auf einer Baustelle in Manhattan skurrile Acts performt. Zur Freude der Bauarbeiter, die eine Pause einlegen und den Auftritt der schrillen Selbstdarstellerin beobachten – in einem silbernen, hautengen Overall, eine Gasmaske am Kopf.

Und Kiki zeigt sich mit monströser Sonnenbrille neben einem aufgeblasenen Plastik-Tod oder posiert auf dem Dach eines Kaufhauses in der Lower East Side mit Bomben aus Plastik: Gebrauchte, echte Bomben verwendet sie Jahre später als Material für Aktionen ihrer individuellen Performancekunst.

1974 beginnt Kiki Kogelnik Pendants aus Keramik zu den Frauenbildern ihrer Women’s Lib- Periode zu kreieren. Das Drehen von Ton auf der Töpferscheibe ist ihr zu mühsam, sie rollt den Ton wie einen Teig aus und schneidet mit einem Messer die Konturen der Schablone, die sie zuvor auf den ausgewalzten Ton legt – so entstehen die weiblichen Keramikmasken.

20 Jahre später reizt es Kogelnik in Murano mit Glas zu arbeiten, anlässlich ihres 60. Geburtstages werden ihre Venetian Heads präsentiert. Tom Wesselmann, bekannt für seine provokanten weiblichen Pop-Art-Akte, stellt über Kollegin Kogelnik anlässlich der posthumen Belvedere- Retrospektive ihrer Werke zwischen 1935 und 1997 knapp fest: „She was not Pop, she was strictly Kiki.“

Kiki Kogelnik – ihr Werk umfasst Malerei, Skulptur, Grafik und dreidimensionale Objekte – ist eine euphorische, ewig ruhelose Künstlerin mit grenzenloser Fantasie. Eine Frau, die schon sehr früh die Rolle der Weiblichkeit, die exaltierten Posen in der Werbe- und Modewelt, demontiert und feministische Themen mit Ironie und Pop-Ästhetik verarbeitet. Eine Künstlerin, die satirische Kritik an der Konsumwelt liebt. Ein Mensch, der ein klares Lebensmotto hat: „Künstlerin sein ist kein Beruf, sondern eine Form zu existieren, eine passionierte Art ein Mensch zu sein.“

  • Michael Horowitz
  • Kunst aus Österreich
  • 50 Menschen, die das 20. Jahrhundert prägten
€ 35,00
Hardcover
17 x 24 cm; 224 Seiten
ISBN 978-3-222-15064-7
Erscheinungstermin: 11/10/2021
Sofort lieferbar
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Von der Secession zur Postmoderne

Vom exzessiven Enfant terrible Egon Schiele bis zu den „Körpergefühlsbildern“ der Maria Lassnig, von Adolf Loos, dem provokanten Wegbereiter der modernen Architektur, bis zu Friedensreich Hundertwasser, dem weltweit hoch gehandelten Meister der Fantasie: In den pointierten Kurzporträts seines neuen Kompendiums präsentiert Michael Horowitz 50 Künstlerinnen und Künstler Österreichs. 50 Menschen, die das 20. Jahrhundert prägten. Maler und Bildhauer, aber auch Architekten, Kunsthandwerker, Objektkünstler und Aktionisten, die weit über die Grenzen des Landes für Furore sorgten.

Ein Buch als Reiseführer durch die grossartige österreichische Welt der Kunst.

• Die bedeutendsten Künstlerinnen und Künstler Österreichs entdecken und wiederentdecken
• Endlich mitreden können: Pointierte Porträts und wegweisende Hauptwerke
• Ein reich bebildeter Reiseführer durch die Welt der Kunst

Michael Horowitz ist Fotograf, Journalist, Schriftsteller und Verleger. Der Autor von Biografien, u. a. über Helmut Qualtinger, H. C. Artmann und Leonard Bernstein, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit österreichischen Künstlerinnen und Künstlern. Mit manchen von ihnen ist er seit längerer Zeit befreundet. Zuletzt erschien im Molden Verlag von Michael Horowitz der Band „100 Menschen, die Österreich bewegten“. Gemeinsam mit Otto Schenk veröffentlichte er zum 90. Geburtstag des Schauspielers „Schenk. Das Buch“.

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Kunst aus Österreich

€ 35,00
Hardcover
17 x 24 cm; 224 Seiten
ISBN 978-3-222-15064-7
Erscheinungstermin: 11/10/2021
Sofort lieferbar
9783222150647 - Kunst aus Österreich
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