Interview

Johannes Sachslehner im Gespräch Recherchen zu einem heiklen Thema

Eine echte Herausforderung, so erklärt Johannes Sachslehner im Gespräch, seien die Recherchen für sein neues Buch „Rosen für den Mörder“ über den steirischen NS-Täter Franz Murer gewesen. Besonders schwierig hätten sie sich im heimatlichen Umfeld gestaltet: Über Murer, der 1963 in einem aufsehenerregenden Prozess freigesprochen wurde, werde vielfach beharrlich geschwiegen, man ziehe es vor, dieses Thema zu verdrängen.

Foto: Privat

Molden:

Wie geht man denn die Recherche zu so einem Buch überhaupt an?

Johannes Sachslehner:

Man stellt sich zunächst eine Menge von spannenden Fragen: Wo hat dieses Leben Spuren hinterlassen? Wer könnte darüber Bescheid wissen? Wie sieht die Literatur dazu aus? Gibt es Augenzeugenberichte? Wo befinden sich archivalische Quellen? Im Fall von Franz Murer wurde mir rasch klar, dass hier eine Vielzahl von Archiven zu befragen ist, das Spektrum reicht vom Steiermärkischen Landesarchiv, das den sehr umfangreichen Gerichtsakt von 1963 aufbewahrt, bis zu den litauischen Archiven in Vilnius, vom Österreichischen Staatsarchiv bis zum Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien.

Molden:

Muss man dabei nicht auch mit „leeren Kilometern“ rechnen?

Johannes Sachslehner:

Ja, völlig richtig. Der Aufwand ist groß und Enttäuschungen bleiben nicht aus – so werden Anfragen, die man stellt, erst gar nicht beantwortet, beliebt ist auch die Taktik, die Anfrage an einen Dritten weiterzureichen und so wartet man immer wieder vergeblich auf konkrete Informationen. Es ist wie bei einem Puzzlespiel, bei dem man verzweifelt nach den richtigen Steinchen sucht. Auf der anderen Seite ist die Freude groß, wenn sich dann doch eine überraschende Neuigkeit ergibt. Ein Beispiel dafür: Franz Murer trat seine erste Arbeitsstelle als Knecht 1930 am Gestütshof des Fürsten Schwarzenberg in Murau an – ein Mitarbeiter des Schwarzenberg-Archivs konnte zu diesem Arbeitsverhältnis tatsächlich eine archivalische Spur finden. Ganz schwer war es dagegen in der Heimatgemeinde Gaishorn am See: Hier hat man offenbar beschlossen, über das Thema Franz Murer nicht mehr zu sprechen. Eine Auseinandersetzung mit seiner Person findet nicht statt.

Molden:

Franz Murer wird als „Schlächter von Wilna“ bezeichnet. Ließen sich die ihm zugesprochenen Verbrechen durch Ihre Recherchen erhärten?

Johannes Sachslehner:

Nun, bekanntlich hat Franz Murer bei seinem Prozess konsequent darauf beharrt, dass er unschuldig sei und niemals einen Juden getötet oder habe töten lassen. Dem Staatsanwalt gelang es nicht, auch nur eine einzige Bresche in diese „Wand“ zu schlagen, den schweren Anschuldigungen durch die Zeugen stand das beharrliche Ableugnen der mörderischen „Tathandlungen“ gegenüber. Mein Buch kann eines zeigen: Franz Murer war massiv an den Repressionen und Vernichtungsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung Wilnas beteiligt, nicht umsonst galt er bei den Insassen des Ghettos als „Herr über Leben und Tod“. Sein Hass auf die Juden und sein Fanatismus als „Ordensjunker“ stehen außer Frage.

Molden:

Warum führten die Aussagen der Zeuginnen und Zeugen zu keiner Verurteilung?

Johannes Sachslehner:

Aufgrund der gesetzlichen Lage war die Anklage gezwungen, Murer einzelne konkrete Morde nachzuweisen, der allgemeine Vorwurf einer Mitwirkung am Holocaust reichte nicht. So fand die Verteidigung immer wieder Unstimmigkeiten und Widersprüche in den Zeugenaussagen, die es ihr ermöglichten, die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe gegen Murer zu erschüttern. Da genügte es auch nicht, dass eine Zeugin schilderte, wie ihre Schwester vor ihren Augen von Murer erschossen wurde, oder ein anderer Zeuge berichtete, wie Murer seinen Sohn tötete. Dazu kommt – und dieser Vorwurf darf der österreichischen Justiz nicht erspart bleiben – eine skandalöse Verhandlungsführung durch den Vorsitzenden des Gerichts, der zuließ, dass die Zeugen mit zynischer Respektlosigkeit behandelt wurden.

Molden:

Wurde der Freispruch denn nicht bekämpft?

Johannes Sachslehner:

Doch – und das sogar sehr intensiv. Der Staatsanwalt legte Nichtigkeitsbeschwerde ein, der im April 1964 auch teilweise stattgegeben wurde. Während Murer auf freiem Fuß blieb, versuchte man jahrelang neues Material gegen ihn zu sammeln, Zeugen aus den USA und aus Israel erklärten sich bereit, gegen ihn auszusagen, Staatsanwalt Rudolf Schuhmann reiste noch 1972 nach Vilnius, um hier Material und Zeugenaussagen zu sammeln. All das überzeugte offenbar die Justiz nicht – 1974 wurde das Verfahren gegen Murer endgültig eingestellt, er konnte seinen Lebensabend unbehelligt auf seinem Bauernhof in Gaishorn am See verbringen.

Molden:

Würden Sie den Fall Murer als abgeschlossen betrachten?

Johannes Sachslehner:

Nein, keinesfalls! Ich glaube, dass die Fragen, die diese verhängnisvolle Karriere im Dienste der Nazis aufwirft, uns auch weiter beschäftigen werden. Das Ringen um die Wahrheit, von der Franz Murer so gerne sprach, wird weitergehen.

€ 25,90
Hardcover mit SU
13,5 x 21,5 cm; 288 Seiten
ISBN 978-3-222-15006-7
Erscheinungstermin: 02/10/2017
Sofort lieferbar

Der „Schlächter von Wilna“

Franz Murer, der steirische Bauernsohn aus St. Lorenzen ob Murau, ist überzeugter Nationalsozialist. „Hart und widerstandsfähig“, ein ganzer Kerl. Er steigt vom Knecht zum Ordensjunker und „Führeranwärter“ auf, einberufen zum Dienst im eroberten Osten wird er zum Schrecken der jüdischen Bevölkerung Wilnas, seine Brutalität und sein Sadismus sind gefürchtet.
Der Versuch der österreichischen Justiz, ihn für seine Untaten zu belangen, scheitert spektakulär am „zweiten Gesicht“ dieses Mannes, der nach dem Krieg den biederen Bauern mimt und jede Schuld von sich weist. So wird der Täter zum Helden, sein Freispruch schockiert die Welt …

Johannes Sachslehner ist Verlagslektor, Historiker und Autor zahlreicher Bücher zu historischen und kulturhistorischen Themen.

Blick ins Buch

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„Rosen für den Mörder“

€ 25,90
Hardcover mit SU
13,5 x 21,5 cm; 288 Seiten
ISBN 978-3-222-15006-7
Erscheinungstermin: 02/10/2017
Sofort lieferbar
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