Mit ihrem Buch Ausflippen. Anleitung für einen Ausnahmezustand unternimmt Autorin Nina Grygoriew einen humorvollen, ungeschönten Blick auf die Lebensmitte und ermutigt zu einem ehrlichen Weg ohne Leistungsdruck.

Es gibt inzwischen zig Bücher über die Wechseljahre. Was hat dir gefehlt,  was wolltest du unbedingt anders erzählen, dass du dieses Buch trotzdem schreiben musstest?

Erstmal feiere ich jedes einzelne dieser Bücher. Eine derart große Auswahl mit so vielen unterschiedlichen Perspektiven – medizinisch, feministisch, persönlich – auf das Thema, war ja vor fünf Jahren noch unvorstellbar.

Trotzdem hat mir etwas die Erlaubnis gefehlt, in dieser Lebensphase nicht auch schon wieder funktionieren zu müssen: Viele Bücher liefern Lösungen, Strategien und Optimierungspläne – das ist auch wichtig und gut. Aber was passiert, wenn man nicht stark und souverän ist? Sondern einfach nur todesmüde?

Die Lebensmitte ist oft sehr voll, chaotisch und nervenzehrend: körperliche Symptome, berufliche Verantwortung, pflegebedürftige Eltern, ausziehende Kinder. Frauen denken dann gern, sie müssten das alles perfekt managen – und wenn das nicht klappt, ist es ihre Schuld.
In „Ausflippen“ geht es darum, wie man sich selbst respektieren kann, auch wenn man gerade nicht abliefert. Man darf ohnmächtig und überfordert sein und sich trotzdem gut finden. Nicht jede Lebenskrise ist ja eine Heldenreise. Manchmal ist sie einfach eine Phase, durch die man einigermaßen würdevoll durchkommen muss.

Wenn du einen Mythos über die Wechseljahre sofort streichen könntest, welcher wäre das?

Dass die Wechseljahre ein reines Frauenthema sind.

Diese Haltung schiebt den Frauen schön die Verantwortung in die Schuhe und suggeriert: Regel das bitte diskret mit dir selbst. Aber die Wechseljahre betreffen auch Beziehungen, Arbeitsplätze, Führungskulturen, das Gesundheitssystem. Wenn eine Frau nachts nicht schläft und tagsüber performen soll, ist das nicht nur ihre Privatangelegenheit. Und wenn sie im Arztgespräch nicht ernst genommen wird, auch nicht einfach nur Pech. Es ist ein strukturelles Problem, das gelöst werden muss.

Ist der gesellschaftliche Druck, schlank, leistungsfähig und attraktiv zu bleiben, am Ende belastender als Hitzewallungen und Schlafstörungen?

Ich finde es nicht klug, das beides gegeneinander aufzuwiegen.
Hitzewallungen, Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen können extrem belastend sein, genau wie der Druck, jung, schlank und dauerhaft leistungsfähig zu sein.
Giftig ist die Kombination: Man schläft schlecht oder sogar gar nicht, ist erschöpft, soll dann aber trotzdem frisch, glatt und energetisch aussehen und so wirken, als hätte man alles im Griff.
Viele Frauen zweifeln dann nicht an diesen Erwartungen, die an sie gestellt werden, sondern an sich selbst.

Ist die Lebensmitte eine Karrierekiller-Phase oder eine Neuorientierungschance?

Sie kann beides sein.

Laut einer Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin reduzieren gar nicht so wenige Frauen in den Wechseljahren ihre Arbeitsstunden, gehen vorzeitig in den Ruhestand oder schlagen sogar eine Beförderung aus. Sie fühlen sich nicht mehr leistungsfähig und belastbar, erhalten aber von Arbeitgeber:innen und Vorgesetzten kaum oder gar keine Unterstützung. Das ist natürlich katastrophal. Für die Frauen UND für die Unternehmen.

Gleichzeitig ist die Lebensmitte oft der Zeitpunkt, an dem Frauen eine Zwischenbilanz ziehen. Nach dem Motto: Wenn hier gerade eh schon alles durcheinander gerät, kann ich auch gleich mal überlegen, was ich eigentlich mit den nächsten 30 Jahren machen will.

Manche entscheiden sich dann für etwas ganz Neues, andere justieren ihr Leben etwas nach und manche kämpfen sich halt einfach weiter durch.

Was wäre anders, wenn Frauen ab 35 systematisch auf diese Phase vorbereitet würden?

Sie würden sich selbst nicht mehr infrage stellen oder sich für verrückt erklären, weil sie die Symptome ihres Körpers kennen und einordnen könnten – die ja durchaus schon Ende 30 zum ersten Mal auftreten können.

Und sie könnten bei ihren Ärzt:innen gezielter die Behandlung einfordern, die für sie sinnvoll ist, statt sich mit einem „Sie sind nur gestresst“ oder „Da müssen Sie halt durch“ abspeisen zu lassen.

Aber das allein reicht eben nicht. Arbeitgeber:innen, Ärzt:innen und Politik müssen diese Phase ernst nehmen und bessere Strukturen schaffen wie flexiblere Arbeitsmodelle und eine fundiertere medizinische Versorgung. Das würde Frauen am meisten helfen. Egal ob 35 oder 55.

Nina Grygoriew, Autorin, Wechseljahrecoach: www.be-moxie.de (c) Sabine Braun Photographie