Exkurs: Geschlechterrollen

Aus "Josephine Baker" von Mona Horncastle

"Ich brauche keinen Prinzen, ich bin Josephine Baker"

© Roger Viollet/picturedesk.com Bild vergrößern Foto: Roger Viollet/picturedesk.com

Nirgendwo lebt Josephine Baker ein homoerotisches Abenteuer mit einer Frau so öffentlich aus wie in Berlin. Liebesbeziehungen mit Frauen scheinen zwar auch in den Jahren davor immer wieder auf, allerdings nur vage. Die Zwanziger in Berlin und Paris sind so freizügig wie nirgendwo sonst in Europa. Hier verkleiden sich Männer als Frauen und Frauen als Männer, jeder kann sein oder darstellen was er möchte. Es gibt Lesbenlokale und Lokale für Schwule, für Transvestiten und solche, wo sich alle treffen. Speziell für junge Frauen bedeutet der spielerische Wechsel zwischen den Geschlechterrollen eine Emanzipation.

In Berlin wird es chic, dass junge Frauen eine kultivierte Antibürgerlichkeit pflegen, mit ihrer Rolle in der Gesellschaft experimentieren und sich die Freiheit nehmen, sich nicht festlegen zu müssen. Die moralischen und konventionellen Grenzen sind nicht mehr klar definiert, und auch die Sittenwächter sehen nicht so genau hin. Nur in diesem Jahrzehnt des Berliner Weltaugenblicks81 ist der Lebenswandel einer modernen Frau wie Ruth Landshoff möglich. Sie steht sozusagen exemplarisch für den neuen Typ Frau, der Stefan Zweig das wünschenswerte Potenzial attestiert, die Umwertung und Verwandlung der europäischen Frau um 1900 als kulturgeschichtliches Phänomen definiert zu haben.

Ruth Landshoff lebt eine offene Beziehung mit dem fast 25 Jahre älteren Vollmoeller, sie trägt Männerkleidung und verweigert eine sexuelle Festlegung. Für sie ist es eine Frage von Weltanschauung und der Geschlechtergerechtigkeit, für die sie als Schauspielerin, als Mitglied der Boheme und als Autorin kämpft. Der Abtreibungsparagraph 218 ist ihr ebenso ein Dorn im Auge wie der Paragraph 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern verbietet. Dass Josephine Baker und Ruth Landshoff eine Affäre miteinander haben, legen die Tagebucheinträge Harry Graf Kesslers nahe, aber auch Karl Vollmoeller hat dazu eine Spur hinterlassen: Aus dem Jahr 1926 sind mehrere Fotonegative von Aktaufnahmen erhalten, die der passionierte Fotograf gemacht hat. Die Bilder dokumentieren die enge und intime Beziehung von Josephine Baker mit dem Paar und reichen von Aktaufnahmen bis zu Inszenierungen in Kostümen.

Auch Paris hat sich in den Zwanzigern als Zufluchtsort für Homosexuelle etabliert – mit einem feinen, aber bedeutenden Unterschied zu Berlin. Gertrude Stein und ihre Lebensgefährtin Alice B. Toklas haben sich als feste Größen im intellektuell-lesbischen Kreis etabliert, mit ihnen die Schriftstellerinnen Natalie Clifford Barney, Djuna Barnes und Janet Flanner, die Malerin Romaine Brooks oder die Verlegerin Sylvia Beach, um nur einige zu nennen. Die sogenannten Frauen von der Westbank geben den Ton an und ihre Stimme ist die einer sozial und intellektuell privilegierte Gruppe Frauen, die sich ernsthaft und dauerhaft dafür entschieden haben, in lesbischen Beziehungen zu leben.

In Berlin gibt es dagegen keine vergleichbar große Gruppe an lesbischen Frauen, die sich für ihre Interessen stark macht. Die wenigen Aktivistinnen wie Selli Engler und Lotte Hahm verschwinden in der Wahrnehmung hinter Frauen, die weder sexuell entschieden sind, noch entschieden und durchdacht einen Kampf für das Recht der Frau auf Selbstbestimmung kämpfen, sondern vielmehr mit Exzentrik gegen das Patriarchat aufbegehren.

Auch wenn viele in Josephine Baker eine Vorreiterin in Sachen gesellschaftlicher und sexueller Befreiung sehen, sie selbst steht der Sorglosigkeit in Berlin viel näher. Sie hat keinerlei Ambitionen, sich für die gesellschaftspolitische Debatte um Geschlechterrollen einzusetzen. Über ihre Liebschaften mit beiden Geschlechtern äußert sie sich, wenn überhaupt, nur vage.

So ist es zwar ein offenes Geheimnis, dass sie sich mit zahlreichen Männern und auch Frauen auf erotische Abenteuer einlässt, doch alle haben den Nimbus der Legende. Es werden ihr Affären mit Kolleginnen wie Evelyn Sheppard, Mildred Smallwood, Bessie Allison, Clara Smith und Colette nachgesagt und bis heute hält sich das Gerücht, dass auch Frida Kahlo zu ihren Geliebten gehört. Die beiden mittlerweile berühmten Frauen lernen sich 1939 kennen und ein Foto reicht aus, um ihnen eine Affäre zu attestieren. Diese Dynamik hat sich in viele biografische Texte über Josephine Baker eingeschrieben.

  • Mona Horncastle
  • Josephine Baker
  • Weltstar – Freiheitskämpferin – Ikone
€ 28,00
Hardcover
15,5 x 22,5 cm; 256 Seiten
ISBN 978-3-222-15046-3
Erscheinungstermin: 01/10/2020
Sofort lieferbar
€ 23,99
E-Book - EPUB
0 x 0 cm
ISBN 978-3-99040-600-7
Erscheinungstermin: 01/10/2020
Jetzt vorbestellbar
€ 23,99
E-Book - Kindle
0 x 0 cm
ISBN 978-3-99040-601-4
Erscheinungstermin: 01/10/2020
Jetzt vorbestellbar

Ich werde mein ganzes Leben lang tanzen

Die erste Biografie, die Josephine Baker, den ersten afroamerikanischen Superstar, als das zeigt was sie vor allem war: Eine idealistische Kämpferin gegen Rassismus und Diskriminierung.

Als Freda McDonald 1906 in einem Armenviertel in Saint Louis zur Welt kommt, deutet nichts darauf hin, dass sie als Josephine Baker als erster afroamerikanischer Superstar die Welt erobern wird. Die Chancen stehen denkbar schlecht, für die uneheliche Tochter einer Wäscherin, die Gesetze der Rassentrennung ins Gegenteil zu verkehren, doch Josephine Baker hält sich an keine Regeln, sie macht ihre eigenen. Für sie gibt es immer noch eine weitere Rolle, in der sie sich neu verwirklichen kann und Erfolge feiert. Ob auf der Bühne, als Truppenunterhalterin und Kriegsheldin – oder im Leben, Josephine kennt nur den Superlativ. Der Weg der Josephine Baker von der Tänzerin im Bananenröckchen zur politischen Figur war lang – doch ihre zahlreichen Anti-Rassismus-Projekte waren mutig, richtig und konsequent an einer wesentlichen Einsicht orientiert: „Letzten Endes gibt es nur eine Rasse: die menschliche Rasse“ (Josephine Baker).

• Die erste deutschsprachige Biografie des ersten afroamerikanischen Superstars
• Neue Einblicke in das unkonventionelle Leben der damals bestbezahlten Entertainerin
• Eine Frau, die sich zeitlebens immer wieder vollkommen neu erfinden musste

PRESSESTIMMEN:
„Josephine Baker ist ein mitreißendes Buch geworden […]. Ein verrücktes Stück Zeitgeschichte.“ Susan Vahabzadeh, Süddeutsche Zeitung

„Horncastles unterhaltsam geschriebene Biografie ist nicht nur die fesselnde Lebensgeschichte einer Ausnahmekünstlerin, sondern auch das vielfältige Sitten- und Gesellschaftsbild einer bewegten Epoche, die weit über die wilden 1920er hinausreicht.“ FALTER

Mona Horncastle studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Bamberg. Sie war Verlegerin, gründete 2013 ein gemeinnütziges Unternehmen für Bildungsprojekte, seit 2017 ist sie auch als Dozentin (u. a. am Institut für Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig) tätig. Als Publizistin schreibt sie Biografien, Kunstkataloge und Ausstellungstexte.

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Josephine Baker

€ 28,00
Hardcover
15,5 x 22,5 cm; 256 Seiten
ISBN 978-3-222-15046-3
Erscheinungstermin: 01/10/2020
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ISBN 978-3-99040-600-7
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Erscheinungstermin: 01/10/2020
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9783222150463 - Josephine Baker
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