Leseprobe

Heinz Nußbaumer über seine Freundschaft mit dem Dalai Lama "Meine kleine große Welt"

"Jetzt also werden wir beide alt, Tarkashing“, sagt er bei unserem bisher letzten Wiedersehen lachend, faltet die Hände und legt seinen kahl geschorenen Kopf an meine Stirne.

© Privatarchiv Heinz Nußbaumer Bild vergrößern Foto: Privatarchiv Heinz Nußbaumer

Der lange Weg nach Lhasa

Mehr als 30 Jahre sind seit unserer ersten Begegnung vergangen. Für ihn 30 beispiellose Jahre – weltweit beliebt und geehrt, und doch politisch im Stich gelassen. Drei Jahrzehnte, in denen sich sein Äußeres kaum verändert hat: Da ist die bordeauxrot-gelbe Mönchskutte. Da sind die schlichten Sandalen, die immer unbekleideten Arme. Vor allem aber die wachen, ruhigen Augen in einem Gesicht, das lange Zeit älter wirkte, als es war; das aber immer wieder von einem Bubenlachen verzaubert wird. Der fröhliche Mönch heißt Tenzin Gyatso, ist der spirituelle Superstar unserer Zeit, Friedensnobelpreisträger und nach Umfragen die meistbewunderte lebende Persönlichkeit unserer Zeit: der 14. Dalai Lama (Ozean der Weisheit). Eine moralische Ausnahmefigur wie Mutter Teresa oder Nelson Mandela – und vielleicht sogar noch mehr: Ein moderner Heiliger, der zur Projektionsfläche für unerfüllte spirituelle Sehnsüchte unserer westlichen Welt geworden ist – und der seinen Anhängern doch immer wieder empfiehlt, sich zunächst im Reichtum ihrer eigenen Religionen umzuschauen.
Und Tarkashing – das bin ich. Für die Tibeter ist es das Wort für den Walnussbaum. Heinrich Harrer, der große Forschungsreisende, Lehrer und Freund des Dalai Lama, hat es mir einmal verliehen – und Seine Heiligkeit, das religiös-politische Oberhaupt Tibets, hat es lächelnd aufgenommen und im Gedächtnis bewahrt.
Warum gerade das ferne Tibet und der Dalai Lama am Anfang dieses Buches stehen? Weil beide vermutlich auch am Beginn meiner Neugier auf fremde Völker, Kulturen und Schicksale gestanden sind. Und weil meine Begegnung mit beiden auch das Ausmaß an Zufälligkeit zeigt, die über der Arbeit jedes Journalisten liegt.
Tibet, das war schon ein großes Thema meiner Jugend. Da waren die wunderbaren Schaubilder im Salzburger „Haus der Natur“, die es uns Kindern über viele Tausende Kilometer hinweg leicht gemacht haben, in die karge, fremde, aber zutiefst faszinierende Welt tibetischer Nomaden und Mönche einzutauchen. Und dann der Film Lhasa Lo, auch er war eine Ernte jener Deutschen Tibet-Expedition unter Ernst Schäfer von 1938, deren ideologischer Auftrag – die Suche der NS-Diktatur nach biologischen Spuren arischer Kulturen – uns erst viel später bewusst geworden ist. Und da war vor allem Heinrich Harrers Weltbestseller Sieben Jahre in Tibet. Kein anderes Buch hat sich in jenen Jugendtagen tiefer in mein Bewusstsein eingegraben und meine Sehnsucht nach Abenteuer und Ferne stärker beflügelt. Tibet und sein vor Chinas Kommunisten geflohener Priesterkönig – beide waren Kürzel für den Reiz der Ferne und zugleich für die Dramen der Menschheit im Zeichen gewalttätiger Diktaturen.

Post für den Dalai Lama

Fasziniert, aber auch deprimiert verlassen wir Tibet wieder – und in den Tiefebenen Indiens zwingt mich der Klimawandel dann prompt ins Krankenhaus. Das geplante Treffen mit dem Dalai Lama im nordindischen Dharamsala kann nicht stattfinden. Aber das Glück ist auf meiner Seite: Mehr als 12.000 Kilometer von Lhasa entfernt, im tibetischen Rikon-Kloster auf einer Waldlichtung im Osten der Schweiz, erlebe ich Seine Heiligkeit nur wenige Wochen später einen ganzen Nachmittag lang unter vier Augen. Gemeinsam betrachten wir die Bilder meiner Tibet-Reise. Miteinander diskutieren wir den Wahrheitsgehalt chinesischer Agitation, die Notwendigkeit tief greifender Reformen für Tibet – und die Chancen seiner Heimkehr und eines autonomen Tibet im Staatsverband Chinas. Gerührt liest der Dalai Lama in diesen Stunden auch die kleinen Zettel, die mir von Tibetern heimlich zugesteckt wurden: Es sind Liebeserklärungen seines Volkes an seinen vielleicht letzten Priesterkönig.
Und doch sagt der Dalai Lama mit aller Deutlichkeit: „Das Drama Tibets heißt nicht: Was geschieht mit dem Dalai Lama? Ich bin ein Nichts, ein Einzelmensch, ein Tibeter. Wenn ein Dalai Lama nicht wirklich nützlich ist, dann schafft er nur Probleme. Die einzig wichtige Frage ist, ob das tibetische Volk glücklich ist. Noch glaube ich, dass die Mehrheit der Tibeter nicht glücklich ist. Da sitzt noch ein großes Leid. Unsere Religion aber kann auch ohne Klöster, ohne Mönche und ohne Dalai Lamas weiterleben – tief in den Herzen der Menschen und ganz ohne Zugriff von außen.“ Nie zuvor und niemals später ist mir in meinem Leben ein anderer Großer begegnet, der sich und seine Rolle in der Geschichte so sehr infrage gestellt hat. Das Interview, das an diesem Tag entsteht, geht um die Welt.
Das „große Leid“ der Tibeter ist auch in den Jahrzehnten seither nicht kleiner geworden – auch wenn Chinas Regierung der tibetischen Metropole Lhasa ausgerechnet nach schweren Zusammenstößen feierlich den Preis als „Stadt mit den glücklichsten Menschen“ verleiht. Nach wie vor unterdrückt die zur Wirtschaftsgroßmacht aufgestiegene Volksrepublik alle tibetischen Hoffnungen, innerhalb des chinesischen Staatsverbands zumindest ein Stück Eigenständigkeit zu erringen – und rächt jede Sympathieäußerung westlicher Politiker für den Dalai Lama und die Tibeter. Jahre vergehen, dann kommt der Dalai Lama im Mai 1986 nach Wien. Im Haus der Industrie wird er über seine verlorene Heimat und seinen Glauben sprechen. Das Interesse an diesem Abend ist riesengroß, auch das Fernsehen entschließt sich zu einer Übertragung. Heinrich Harrer schlägt den Veranstaltern zu meiner Überraschung vor, den Einführungsvortrag über das Drama Tibets und über die Geschichte der Dalai Lamas mir zu übertragen. Sie akzeptieren. Als ich den prominenten Gast an diesem Abend zum Podium begleite, sitzen die zwei größten lebenden Kenner des alten Tibet im Publikum: Prof. Harrer und der Alpinist und Buchautor Herbert Tichy, der schon 1935 – als Pilger verkleidet – den heiligen Berg Kailash in Tibet umrundet hat. Ich stehe enorm auf dem Prüfstand.
Es wird ein unvergesslicher Abend – mit seiner Bescheidenheit, Fröhlichkeit und Spontaneität gewinnt der Dalai Lama rasch die Herzen seiner Zuhörer. Als mich die Gastgeber des „Forum Schwarzenbergplatz“ anschließend fragen, auf welches Konto sie mein Honorar überweisen sollen, vermute ich die üblichen, eher bescheidenen Einkünfte aus anderen „Auftritten“ und schlage vor, den Betrag gleich an das Kinderdorf in Dharamsala, dem nordindischen Exilort des Dalai Lama, zu schicken. Wenige Tage später kommt die Vollzugsmeldung – und beim Lesen der Honorarhöhe werde ich blass: Endlich ein mehr als ordentliches Honorar – und ich habe es einfach mit lockerer Hand verschenkt! Keine zwei Monate später aber erreicht mich ein Brief der Dalai-Lama-Schwester Pemala Gyalpo, Leiterin des exil-tibetischen Kinderdorfs, der meinen Frust blitzschnell in Verlegenheit und schlechtes Gewissen umschlagen lässt: Schwere Regenfälle hätten, so lese ich jetzt, in Dharamsala einen furchtbaren Erdrutsch verursacht. Ganze Häuser seien verschwunden. Umso wichtiger sei deshalb diese Spende gewesen. Man habe damit – und mit der Arbeitskraft vieler Freiwilliger – eine Volksschule komplett neu aufgebaut. Beschämt wie selten erinnere ich mich jetzt an meinen voran - gegangenen Frust – und habe wieder einmal für mein Leben gelernt: Jede Spende, die in die Schattenzonen der Erde geht, potenziert sich durch das unglaubliche Preisgefälle. Eine ganze Volksschule für 15 Vortragsminuten! Unterwegs in der Dritten Welt mache ich später immer wieder ähnliche Erfahrungen. Mag eine Spende noch so klein sein – ihr Segen ist um vieles größer!

„Herr Bundespräsident, ich weiß, was Sie sagen wollen!“

Noch eine letzte Erfahrung dazu: Mit Bundespräsident Thomas Klestil bin ich im September 1995 auf Staatsbesuch in China unterwegs – das Sonderflugzeug ist randvoll mit hohen Wirtschaftsvertretern und Journalisten. Für Thomas Klestil ist klar: Tibet und der Dalai Lama müssen in den Gesprächen mit Staatspräsident Jiang Zemin ein Thema sein, das erwartet auch die österreichische Öffentlichkeit. Er will versuchen, es diskret, aber deutlich anzusprechen, sobald die Gesprächsatmosphäre es erlaubt. Dann stehen wir – 23 Jahre nach meinem ersten Besuch in Peking – wieder in der Halle des Volkes dem Staatspräsidenten gegenüber. Kaum haben die Fotografen das Zimmer verlassen, sagt Gastgeber Jiang Zemin mit einem kleinen Lächeln: „Verehrter Bundespräsident aus Österreich, Sie müssen doch – allein den Medien zuliebe – Ihre Tibet-Kritik bei mir anbringen. Ich weiß, was Sie sagen wollen – sagen wir also, das Thema ist besprochen worden. Und jetzt können wir über Vernünftiges reden ...“ Mehr noch als der Inhalt dieser Sätze macht mich die Form, in der sie gesprochen werden, sehr traurig.
Nichts hat sich in all den Jahren an den Beziehungen zwischen Chinesen und Tibetern verändert – und so hält auch meine Nähe zum tibetischen Volk, zum Dalai Lama und zum großen Forscher und Entdeckungsreisenden Heinrich Harrer – sie überdauert auch dessen Tod im Jänner 2006. Gemeinsam trauern Seine Heiligkeit und ich an Harrers Grab im Kärntner Hüttenberg. Irgendwann erlebe ich aus nächster Nähe mit, wie sich Österreichs Spitzenpolitik vor einer Begegnung mit dem Dalai Lama scheut, die in früheren Jahren ganz selbstverständlich war – und wie sich andere, von Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel bis zu USPräsident Obama (2009–2017), diesen Mut trotzdem leisten. Und im September 2007 besucht der Friedensnobelpreisträger und Exilkönig das große SOS-Kinderdorf in Hinterbrühl bei Wien, legt mir einen Glücksschal um den Hals – und nimmt seinem „Jetzt also werden wir beide alt, Tarkashing“ lachend jede Bitterkeit.

  • Heinz Nußbaumer
  • Meine kleine große Welt (NA)
  • Begegnungen – Erfahrungen – Erinnerungen
€ 29,00
Hardcover mit SU
13,5 x 21,5 cm; 320 Seiten
ISBN 978-3-222-15015-9
Erscheinungstermin: 19/02/2018
Sofort lieferbar

Jubiläumsausgabe zum 75. Geburtstag des Autors

Mit Gaddafi im Zelt. Mit Arafat im Bunker. Mit Reagan und Clinton im Weißen Haus. Mit dem Dalai Lama im Kloster. Von Päpsten und Patriarchen empfangen. Es gibt Menschen, die erleben all das, wovon die anderen nur in der Zeitung lesen: fremde Länder, entscheidende diplomatische Begegnungen und geheime Treffen.
Es gibt Menschen, die berichten so interessant und klug darüber, dass sie zur journalistischen Legende werden. Wenn ein solcher Mensch ein Buch über seine Erlebnisse schreibt, ist das eine spannende Sache. Und wenn er Heinz Nußbaumer heißt, ist das ein Glücksfall.
Der vielfach ausgezeichnete Außenpolitikjournalist und Publizist berichtet in seinem 2011 erstmals erschienenen Bestseller packend und hautnah über seine Begegnungen an Wegmarken der Weltgeschichte. Anlässlich seines 75. Geburtstags 2018 liegt nun die vom Autor aktualisierte Neuausgabe vor.

Mit einem Vorwort von Hugo Portisch

Heinz Nußbaumer (Prof.), geboren 1943, ist Publizist, Buchautor und Herausgeber der Wochenzeitung „Die Furche“. Von 1971 bis 1989 leitete er das Außenpolitik-Ressort des „Kurier“ in Wien, von 1989 bis 1999 war er Sprecher der Bundespräsidenten Waldheim und Klestil. Inhaber zahlreicher Auszeichnungen, Träger aller großen österreichischen Publizistikpreise sowie Menschenrechtspreisträger 2006.

Blick ins Buch

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Meine kleine große Welt (NA)

€ 29,00
Hardcover mit SU
13,5 x 21,5 cm; 320 Seiten
ISBN 978-3-222-15015-9
Erscheinungstermin: 19/02/2018
Sofort lieferbar
9783222150159 - Meine kleine große Welt (NA)
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