Wien für Fortgeschrittene

Kann man sich in eine Stadt neu verlieben?

Mit dem Sulky ins Viertel Zwei

© Christian Fürthner Bild vergrößern Foto: Christian Fürthner

Viertel Zwei: In Wien ist damit eine Viertelstunde nach 13 Uhr, also 13:15 Uhr, gemeint.

Für Zugereiste wie mich wäre das Viertel nach eins, es verwirrt mich. Um meine Dates zeitlich richtig hinzukriegen, frage ich sicherheitshalber immer nach. Stirnrunzeln bei den Wienerinnen und Wienern, ist doch eh alles klar! „Viertel Zwei“ ist aber neuerdings, ohne Bezug zur wienerischen Zeitkaprize, auch ein außergewöhnliches neues Stadtviertel, zuvor Niemandsland, im nordöstlichen Teil des zweiten Wiener Gemeindebezirks, der Leopoldstadt. Mit Büro- und Geschäftsflächen, Wohnungen, Apartments für Studierende sowie Hotels. Es ist schon weit gediehen, bis 2023 soll es fertig sein.
Das Viertel Zwei liegt in direkter Nachbarschaft zum Grünen Prater, zur hypermodernen neuen Wirtschaftsuniversität Wien und zur geschichtsträchtigen, etwas in die Jahre gekommenen Trabrennbahn Krieau, auf der sonntags nach wie vor Rennbetrieb ist. Aus der Symbiose von Alt und Neu, Coolness und Verschrobenheit, Natur und Urbanität, ist im Viertel Zwei eine einzigartige Atmosphäre entstanden, in der ich mich unglaublich wohl fühle.
In seiner harmonischen Verbindung von Alt und Neu entstehen in Wien schier magische Orte, so auch hier. Einer meiner Lieblingsorte in Wien. Ich steige an der U-Bahn-Haltestelle Krieau aus. Hier steht das derzeit wohl markanteste, mit seinen 80 Metern (noch) höchste Gebäude des Viertels: das Bürohochhaus Hoch Zwei, zusammen mit dem dazugehörigen Gebäude Plus Zwei das Headquarter der Österreichischen Mineralölverwaltung OMV.

Es erinnert an ein überdimensioniertes Segel. Oder, so sieht es Dieter Henke, zusammen mit Marta Schreieck für die Architektur verantwortlich, „an ein Kipferl“. Ein Kipferl aus Glas und Stahl, dennoch nicht abweisend. Davor grüne, geschwungene Sitzobjekte des Künstlerpaares Franziska und Lois Weinberger, die Österreich 2006 bei der Biennale in Venedig vertreten haben.Mich zieht es aber zum Wasser. Herzstück des Viertels ist ein 5000 Quadratmeter großer, künstlich angelegter Teich zwischen den Gebäuden, die sich darin spiegeln, die beiden Ufer sind mit einer Stegbrücke verbunden. Im Wasser kleine grüne Inseln, darauf Bäume. Eine Idylle, autofrei, kunstvoll bepflanzt, Liegestühle am Ufer, ein Ort der Entspannung und Kontemplation. Das Viertel wächst. Ich schaue mich um. An der einen Uferpromenade stehen kantige Bauten wie Plus Zwei, BIZ Zwei und das Wohngebäude Stella Zwei, wo am Balkon Tomaten gezogen werden. Die Spielerei mit der Zahl Zwei, eine Hommage an den zweiten Bezirk. Auf der anderen Seite als Gegengewicht das Hotel Zwei und die Bürobauten Rund Vier, wieder Kipferln oder, etwas poetischer gesagt, Sichelmonde. Sozusagen ein Selbstzitat der Architekten Henke und Schreieck und ihres OMV-Turms. An der südlichen Uferkante steht ein renoviertes Backsteinhaus aus dem Jahr 1910, ein ehemaliges Lagerhaus, jetzt wäre noch das Wohnprojekt RONDO in direkter Nachbarschaft zum Grünen Prater, die runde Form der sieben Häuser steht für das Schöne im Leben, für das Vergnügen und für die Natur. Jede der 201 Wohnungen besitzt umlaufende Terrassen mit ausreichend Platz für Begrünung. Das Studio Zwei, das erste Vertical Green Building Österreichs, liegt direkt an der Trabrennbahn Krieau. Alles Architektur vom Feinsten.

Ein weiterer Eyecatcher ist der Skulpturenpark rund um den See, nach einer Idee einer Wiener Galeristin und eines Immobilienentwicklers. Ein Bronzehase, ein gelbes Ei, ein Wellenbrecher am Ufer des Sees, hier wohl ein Kunstwerk ohne Funktion. „Total living“ in pinken Großbuchstaben, wie eine Losung für das neue Viertel. Ich gehe weiter zum Stella-Klein-Löw-Weg, schnuppere. Hier riecht es eindeutig nach Pferd. Etwas eingeklemmt zwischen den neuen Bauten und dem Prater eröffnet sich ein großes grünes Oval, rundum eine Sandbahn, die Trabrennbahn Krieau. Sie ist nach dem Hippodrom in Moskau die zweitälteste noch in Betrieb befindliche Bahn der Welt. Länge 1000 Meter, Breite: acht Pferde je Startreihe. Ein denkmalgeschützter Schiedsrichterturm, Baujahr 1919. Die in den 1910er-Jahren erbauten Tribünen sind dreistöckige Stahlbetonbauten, die Ehrentribüne zieren bunte Majolika-Reliefs im Stil der Wiener Werkstätte. 1874 wurde der Wiener Trabrennverein gegründet, vier Jahre später die Trabrennbahn eröffnet. Die Rennen hatten vorher in der Prater Hauptalleestattgefunden und wurden nun hierher verlegt. Ein Gespann dreht einsam seine Runden, ein Fahrer führt sein abgeschirrtes Pferd in den Stall. An dem lehnen alte „Sulkys“, wie die Trabrenngespanne genannt werden. Die Stallungen, teilweise denkmalgeschützt, sind ein wenig in die Jahre gekommen. An der Absperrung zur Rennbahn ein abgeblättertes Metallschild: „Vorsicht!!! Während des Startvorganges zurücktreten!“ Beim Start eines Rennens geht es manchmal etwas wild zu.

Der Krieauwirt, einfache Wiener Küche, gemischtes Publikum, an Sonntagen, wenn Renntag ist, ausnahmsweise auch geöffnet. Unsichere Zukuft, wie auch jene der Krieau. Der neue Stadtteil braucht Platz. Geplant sind zwei Hochhäuser, Grünblick und Weitblick, das eine 90, das andere 120 Meter hoch. Eine neue Skyline für den zweiten Bezirk, in Sichtachse zu einem neuen Stadtviertel in Erdberg, jenseits des Donaukanals.Nicht denkmalgeschützte Stallungen sind schon abgerissen, hinter der Tribüne entstehen neue. Die denkmalgeschützten werden originalgetreu renoviert und einer neuen Bestimmung zugeführt. Die Haupttribüne, ebenfalls denkmalgeschützt, bleibt, die schon länger ungenutzten Nebentribünen werden saniert und um einen Büro-Neubau erweitert. Ob die Trabrennbahn weiter genutzt wird, hänge vom Publikumsinteresse ab, so Peter Truzla, Präsident des Trabrennvereins. Vielleicht kämen durch die neuen Nachbarn wieder mehr Gäste. Diese wären dringend notwendig. Wer nicht hingeht, versäume etwas. Spektakulär seien die Abendrennen vorder beleuchteten Skyline. Wenn so ein Rennen an einen Wettanbieter in Frankreichübertragen wird, kämen immer Zuschriften, ob das Rennen in New York stattgefunden habe. Das glaube keiner, dass das mitten in Wien sei, so Truzla.

€ 28,00
Broschur
16,8 x 24 cm; 208 Seiten
ISBN 978-3-222-13648-1
Erscheinungstermin: 10/09/2020
Sofort lieferbar

Wien ist anders. Wien ist viel mehr als ein Klischee.

Wien hat viele Gesichter, die sich nicht auf den ersten Blick zeigen. Wer glaubt, diese Stadt schon gut zu kennen, wird im neuen STADTFÜHRER WIEN FÜR FORTGESCHRITTENE noch einmal richtig überrascht. Jenseits der allzu bekannten Attraktionen gibt es in alten und neuen Vierteln Lieblingsorte zu erkunden, die selbst Wienerinnen und Wiener nicht kennen. Der Brückenschlag zwischen den Kulturen, zwischen Glanz und Sachlichkeit, Coolness und Verschrobenheit, Natur und Urbanität macht die Stadt einzigartig.

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Ilse König ist Sozialwissenschafterin, Verfasserin von Sachbüchern und Kochbuchautorin. Nach einer langen, erfolgreichen Karriere in Ministerien, Forschung, Beratung und Management, zuletzt als Geschäftsführerin eines Forschungsinstituts für internationale Politik, widmet sie sich nun nur mehr dem Schreiben.

Christian Fürthner ist seit 30 Jahren als selbständiger Fotograf tätig. Architektur, der öffentliche Raum und Stadtreportagen sind ein Schwerpunkt seiner Arbeit.

Blick ins Buch

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Wien für Fortgeschrittene

€ 28,00
Broschur
16,8 x 24 cm; 208 Seiten
ISBN 978-3-222-13648-1
Erscheinungstermin: 10/09/2020
Sofort lieferbar
9783222136481 - Wien für Fortgeschrittene
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