Reminiszenzen aus dem Esterházykeller

Die Taverne in den Tiefen der Erde war einst das weltliche Pendant zur sakralen Mystik der Kirchen und Kapellen. Alt-Wien, die Stadt des Weins, war auch eine Stadt der tiefen Keller, von denen nur noch wenige geblieben sind.

© (c) Robert Bouchal Bild vergrößern Foto: (c) Robert Bouchal

Auch wenn man es nicht für möglich hält, so sind die meisten Höhlen- oder Unterweltforscher sehr gerne an der Erdoberfläche und ganz besonders bei Sonnenschein im Freien. Und wenn man uns nachsagt, dass wir nur einen erfolgreichen und wunderschönen Urlaub hatten, wenn wir aus diesem blasser zurückkommen, als wir weggefahren sind, so können wir darüber nur lächeln. Tageslicht und ganz besonders die Wirkung der Sonne ist für uns Menschen eine Quelle des Wohlbefindens. Wir können es uns aussuchen, wie viel Zeit wir im lichtlosen Teil der Erde verbringen möchten. Es gibt Menschen, die verbringen wesentlich mehr Zeit fern der Sonnenstrahlen. Bergmänner, U-Bahn-Fahrer oder Gastronomieangestellte, die ihre Wirkungsstätte in einem Kellerlokal gefunden haben.

Wien war und ist immer noch bekannt für seine Kellerlokale. Für die Wiener Gemütlichkeit unterhalb des Straßenniveaus. Es ziehen diese unter dem Gehsteig gelegenen Gaststätten nicht nur die Wiener, sondern ganz besonders die Touristen an. Es zieht sie förmlich hinunter in den Keller der Gastfreundschaft, in ein Ambiente, das man in seiner eigenen Heimat gar nicht kennt! Zu einer der wohl berühmtesten Kellerlokalitäten zählte der Esterházykeller am Haarhof.

Hier werden gerne Schnitzel und Schweinsbraten mit Kraut und Knödeln verzehrt. Das lieben die Besucher von Wien!

Auch wir nehmen die steilen Treppen und steigen ab, um in die unterirdische Gemütlichkeit einzutauchen. Wir sind sehr zeitig dran. Ja, eigentlich noch vor dem Öffnen des Lokals. Am Morgen ist es hier ruhig. Keiner verirrt sich am Morgen in ein Kellerlokal.

Das ist genau der richtige Zeitpunkt, um mit einer Dame zu sprechen, die hier unten arbeitet.
Sie begrüßt uns und strahlt in ihrem Dirndl eine Freundlichkeit aus, dass es uns mitreißt! Die aus dem Burgenland stammende Frau Angela Nimführ arbeitet seit 52 Jahren im Untergrund!

Seit 52 Jahren!

 

Wir können es noch gar nicht glauben! Sie kennt diesen Keller, der früher von vielen Stammgästen besucht wurde. Doch die Generationen ändern sich, meint sie. Die Herrschaften, die gerne im Keller gesessen sind, sterben alle und die Jungen zieht hier
scheinbar nichts mehr hinunter. Doch die Touristen – die Touristen kommen sehr gerne! „In den Jahren 1968 bis 1970, als wir in der Hochblüte des Lokals von 10 Uhr bis 13 Uhr und von 16 bis 21 Uhr unsere fixen Öffnungszeiten hatten, standen die Leute in Schlangen vor dem Kellereingang. Die halbe Naglergasse war von Menschen blockiert, weil sie alle um 16 Uhr hinunterwollten. Es war um die Sitzplätze hier unten ein wirkliches ,Griss‘!“

In der langen Zeit, welche Frau Nimführ hier unten verbracht hat, haben sich mit den vielen Menschen immer wieder Ereignisse zugetragen. Eines Abends, als Angela Nimführ nach dem letzten Gast ihre Runden drehte und das Lokal noch sauber machte, entdeckte die damals noch sehr junge Frau in der Pissoirmuschel des Männer-WCs ein künstliches Gebiss.
Beherzt holt sie sich eine Serviette aus der Schank und nimmt die Zahnprothese aus dem Urinal heraus. Sie legt die verloren gegangenen Zähne am äußersten Ende der Schank ab in der Hoffnung, dass der unter dem Verlust leidende Zahnträger sich seine Beißerchen holen würde.Siehe da, am nächsten Tag betritt ein älterer Mann das Lokal und fragt nach, ob man vielleicht hier seine Zähne gefunden habe. Frau Nimführ nickt und zeigt auf die Stelle, wo die Zähne liegen. Mit einem glücklichen Lächeln streckt der Suchende die Hand
nach seinen verloren geglaubten Schneide- und Mahlzähne aus und steckt diese blitzschnell, und ohne dass Frau Nimführ noch etwas sagen kann, in seinen geöffneten Mund! Das werde sie, so versichert sie uns, nie vergessen!

Eines Tages kommt sie am Morgen in das Lokal und entdeckt, dass auf dem Boden im Lokal ein sehr großes Loch zu sehen ist. Es war ein riesiges Glück, dass dieser Vorfall in der Nacht geschehen ist. Es befinden sich ja unter unserem Kellerlokal noch zwei weitere Keller, meint Frau Angela Nimführ. „Das war ein unglaubliches Glück, dass hier keine Person zu Schaden gekommen ist. Es musste danach alles abgestützt werden und wurde danach alles überprüft und nun ist alles wieder in Ordnung. Einmal komme ich in der Früh in das Lokal und sehe, dass die Feuerwehr bei uns ist. Ein Hydrant war defekt und das Wasser ergoss sich in den Keller hinein. Der Keller war voller Wasser und die Holzkisten schwammen herum! Die Feuerwehr pumpte das Wasser ab!“

Ja, wer sein ganzes Leben in einem Kellerlokal arbeitet, der hat viel zu erzählen.

€ 27,00
Franz. Broschur
16,8 x 24 cm; 224 Seiten
ISBN 978-3-222-13669-6
Erscheinungstermin: 11/02/2021
Sofort lieferbar

Verborgene Welten, vergessenes Wien

Das Wien, das einmal war. Überwuchert von der Natur, überbaut von späteren Generationen, zugeschüttet, verborgen, vergessen und oft kaum mehr zugänglich. Verlassene Orte – fernab der Aufmerksamkeit – erzählen von längst vergangenen Tagen und dokumentieren eindrucksvoll den dramatischen Wandel unseres Alltags. Das Erfolgs-Duo Robert Bouchal und Johannes Sachslehner weiß wie nur wenige Eingeweihte über deren Existenz Bescheid. Sie berichten von fesselnden Ausflügen zu diesen geheimen »Anderswelten« und machen diese Orte und Räume hautnah erlebbar.
• Die Katakomben unter dem Theseustempel
• Das vergessene Fernrohr zu den Sternen
• Der Flugplatz Strasshof
• Kaiser Josephs Gugelhupf
• Schirachs Last Stand

• Mit den Urban Explorern auf Feldforschung mit historischem Tiefgang
• Befeuert die Abenteuerlust der Lost Places Community in und um Wien

PRESSESTIMMEN "Ein kongeniales Autorenduo (...) sie lassen in schöner Regelmäßigkeit ihre Fangemeinde mit einem neuen Bildband an ihren Abenteuern unter der Erde teilhaben." (DIE PRESSE)

Robert Bouchal arbeitet als Höhlenforscher, Fotograf und Autor und dokumentiert seit über 30 Jahren die geschichtsträchtigen Orte seiner Heimat Österreich.
Johannes Sachslehner (Dr. phil.) ist Verlagslektor, Historiker und Autor zahlreicher Bücher zu historischen und kulturhistorischen Themen. Gemeinsam mit Robert Bouchal veröffentlichte er im Styria Verlag zuletzt den Band „Dunkles Wien. Orte des Schreckens und Verbrechens“.

Blick ins Buch

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Lost Places in Wien & Umgebung

€ 27,00
Franz. Broschur
16,8 x 24 cm; 224 Seiten
ISBN 978-3-222-13669-6
Erscheinungstermin: 11/02/2021
Sofort lieferbar
9783222136696 - Lost Places in Wien & Umgebung
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