Petra Trautwein, erfahrene Coaching-Expertin und dreifache Mutter, macht Schluss mit Ohnmacht und Selbstzweifeln. In ihrem Buch Handyfrei. Wie Eltern ihren Kindern einen gesunden Umgang mit Handy & Medien beibringen nimmt sie Eltern an die Hand – ehrlich und lösungsorientiert.
Sind Eltern wirklich machtlos gegen die Bildschirmflut oder schlicht zu bequem, Grenzen konsequent durchzusetzen?
Nein, machtlos ist niemand. Aber viele Eltern sind orientierungslos. Nicht, weil sie es nicht besser wissen wollen, sondern weil sie selbst im digitalen Strudel feststecken. Ja, es braucht Konsequenz. Aber nicht im Sinne von Strafen. Es braucht Führung. Und das fängt immer bei uns selbst an. Eltern sind Vorbilder, auch wenn sie das nicht immer sein wollen. Wenn wir uns klar sind, welche Rolle wir in unserer Familie wirklich einnehmen wollen, handeln wir auch anders. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Verantwortung.
Elternführung ist das meistunterschätzte Werkzeug im digitalen Zeitalter und die einzige echte Lösung.
Wo beginnt aus deiner Sicht elterliche Heuchelei in der eigenen Mediennutzung?
Sie beginnt in dem Moment, wo wir sagen: „Jetzt leg dein Handy weg“, während wir selbst WhatsApp-Nachrichten tippen und nicht präsent sind. Kinder spüren unsere Inkongruenz sofort. Sie folgen nicht unseren Worten, sondern unserem Verhalten. Wenn wir Verbindung nur fordern und nicht leben, wird Erziehung zur Farce. Es ist nicht schlimm, Fehler zu machen. Aber es ist fatal, sie sich nicht einzugestehen. Medienerziehung heißt vor allem: radikale Ehrlichkeit mit sich selbst.
Wie viel Anteil haben Smartphones tatsächlich an den Konzentrations- und Schlafproblemen unserer Kinder?
Einen massiven. Studien zeigen, dass übermäßige Bildschirmzeit Konzentration, Aufmerksamkeitsspanne, Impulskontrolle und Schlafrhythmus massiv stört. Aber der Bildschirm ist nur das Symptom. Das eigentliche Problem ist: Unsere Kinder finden im echten Leben zu wenig, was ihnen Freude, Sinn und Zugehörigkeit gibt. Das Smartphone ersetzt echte Verbindung. Wenn wir das nicht verstehen, behandeln wir nur die Oberfläche – und nicht die Ursache.
Ein Kind, das innerlich satt ist, braucht keine digitalen Dauerreize.
Welche elterliche Verhaltensfalle richtet langfristig den größten Schaden an?
Verantwortung abgeben. Wenn Eltern sagen: „Da kann man halt nichts machen“ oder „Alle anderen dürfen das ja auch“, geben sie die Führung aus der Hand. Das macht Kinder orientierungslos und tief im Inneren auch einsam. Unsere Kinder brauchen nicht mehr Freiheit, sie brauchen mehr Halt. Und der entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch eine liebevolle, klare Haltung. Wenn wir uns davor drücken, zahlen unsere Kinder den Preis.
Orientierungslosigkeit ist die wahre Pandemie in der digitalen Kindheit.
Was ist die unbequemste Wahrheit über digitale Erziehung, die niemand hören will – aber jede:r wissen muss?
Dass wir das Problem sind. Nicht die Apps. Nicht die Algorithmen. Nicht TikTok. Wir Eltern sind der Schlüssel – im Guten wie im Schlechten. Unsere Kinder kopieren unser Verhalten. Sie übernehmen unsere Gewohnheiten. Und sie tragen unsere ungelösten Themen weiter, wenn wir sie nicht selbst anpacken. Digitale Erziehung beginnt nicht beim Kind. Sie beginnt in dir. Du willst dein Kind verändern? Dann fang bei dir an – alles andere ist Kosmetik.
