Leseprobe

Dekadenz in Beton "Lost Places - Hotel Haludovo (Krk, Kroatien)"

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall der einstigen Luxusherberge Nummer 1 auf der kroatischen Insel Krk hat einen roten Faden, der seiner assoziierten Farbe mehr als gerecht wird. Es geht um Sex und Glücksspiel, um Schauspieler und Diktatoren, um Macht und Millionen, kurz, um ein in Beton gegossenes Unsittenbild mit Promifaktor. Und heute ist das Hotel Haludovo selbst ein Star.

© Helmuth Weichselbraun Bild vergrößern Foto: Helmuth Weichselbraun

Die Menschen hoffen aus verständlichen Gründen darauf, aber in Wahrheit ist alles nur ein Trugbild: Es gibt keine zeitlose Schönheit. Auch heilt die Zeit nicht alle Wunden, im Gegenteil. Sie reißt oft neue auf. Das haben Orte und Beziehungen gemeinsam, wenn sich keiner mehr darum kümmert.

Im Internet wird es als „beliebteste Ruine Kroatiens“ gepriesen und in TV-Berichten gar als „Europas bekanntester Lost Place“. Hat man die zahlreichen Wegweiser zur Anlage, die seit 2002 geschlossen ist, deshalb stehen gelassen? Egal. Wir freuen uns, dass wir unser Ziel diesmal nicht lange suchen müssen. Der Star unter den verfallenen Orten befindet sich in einer abgeschiedenen Bucht außerhalb des Urlaubsortes Malinska an der Westküste der Insel Krk. Die ebenso malerische wie einsame Lage ist kein Zufall. Das Hotel wurde 1972 für Gäste eröffnet, die unter ihresgleichen sein wollten. 45 Millionen Dollar hatte Bob Guccione (1930–2010), Gründer und Herausgeber des US-Männermagazins Penthouse, in die Errichtung investiert. Der „Penthouse Adriatic Club“, wie die Anlage zunächst hieß, hatte mehr als 500 Zimmer beziehungsweise Apartments und bot dem werten Publikum zusätzlich zum Strand vor der Haustür allerlei weitere Annehmlichkeiten: Wellnessbereich, Indoor- und Outdoorpools, Disko, Bowlingbahn, Minigolfanlage, Tennisplätze sowie mehrere Bars innen und außen.

Herzstück des Hauses war ein Casino mit 70 ausschließlich weiblichen Croupiers und Hostessen aus den USA. Die Damen in den neckischen Kostümchen waren „Penthouse Pets“ (also „Haustiere“!). So nannte das Magazin seine Erotik-Models – wohl eine „Weiterentwicklung“ der von Hauptkonkurrent Playboy eingeführten und in unseren Breiten bis heute bekannteren Bezeichnung „Bunny“ (Häschen). Mit einschlägigen Fotos seiner Mitarbeiterinnen, die Guccione als gelernter Aktfotograf gerne höchstpersönlich anfertigte, warb er in den USA für die Dependance auf Krk als neues Las Vegas. Das Konzept ging in den ersten Monaten nach der Eröffnung voll auf. Überwiegend männliche Gäste aus aller Welt feierten im „Penthouse Adriatic Club“ rauschende Feste. Wenn es besonders wild zuging, wurden pro Tag bis zu 100 Kilo Hummer, 5 Kilo Kaviar und Hunderte Flaschen Champagner und Whiskey vernichtet.
Das spülte ordentlich Devisen in die Kassen des sozialistischen Staates Jugoslawien, der Guccione den Schauplatz der dekadenten Orgien öffentlich als Beitrag zum Weltfrieden preisen ließ. In Interviews strich der Amerikaner brav die vermeintlichen Gemeinsamkeiten des Tito-Regimes mit seinem Penthouse-Imperium hervor. „Wir werden beide ständig missverstanden. Jugoslawien hält man für ein Land hinter dem Eisernen Vorhang, in dem man keinen Spaß haben und keine Geschäfte machen kann. Uns sagt man nach, wir wären Exhibitionisten ohne Interesse an seriösen Unternehmungen. Die gemeinsame Verwirklichung unseres Projekts auf Krk beweist das Gegenteil“, politisierte Guccione. Seine Frohbotschaft: „Vorurteile und Ignoranz sind auch schuld am Kalten Krieg. Wir sollten mehr miteinander reden und voneinander lernen.“

Helmuth Weichselbraun
Foto: Helmuth Weichselbraun

Hinter den Kulissen des „Penthouse Adriatic Club“ hielt sich das gegenseitige Verständnis allerdings in Grenzen. In wirtschaftlichen Fragen waren weder der Kapitalist Guccione noch das sozialistische Regime gewillt, voneinander zu lernen. Für Konflikte sorgte vor allem das in Jugoslawien staatlich verordnete System der Arbeiterselbstverwaltung. Es sah unter anderem vor, dass Mitarbeiter die Direktoren wählen durften, und räumte ihnen weitreichende Mitspracherechte im operativen Geschäft ein. Schon zu Beginn des Jahres 1973 – nicht einmal ein Jahr nach der Eröffnung – zog sich Guccione deshalb aus dem Projekt zurück. Das Ruder übernahm ein arbeiterverwalteter Staatsbetrieb, der Erotik-Unternehmer blieb am Gewinn beteiligt.

Aus dem „Penthouse Adriatic Club“ wurde ein normales Luxushotel, das man, um mehr Touristen anzuziehen, in zwei Häuser unterschiedlicher Kategorien teilte: in das Haludovo Palace mit fünf und in das Tamaris mit vier Sternen. Das Geschäft lief gut. Und weil sich das mondäne Ambiente – abgesehen von der Abwesenheit der „Penthouse Pets“ – nicht geändert hatte, schauten in den folgenden Jahren immer wieder Promis vorbei. Der irakische Diktator Saddam Hussein (1937–2006) nutzte die Größe der Anlage, um bei einem Staatsbesuch mit sage und schreibe 250 Begleitern im Haludovo einzuchecken. Angeblich soll man für ihn einen ganzen Pool mit Champagner gefüllt haben.

Das Geschäft lief bis zum Ausbruch des kroatischen Freiheitskampfes 1991. Die Zwangspause, in der das Gebäude als Flüchtlingsunterkunft diente, war dann der Anfang vom Ende der Urlaubsdestination für die Reichen und Schönen. Zwar wurde der Betrieb nach Kriegsende 1995 privatisiert und unter dem Namen Hotel Haludovo neu eröffnet, doch alle Versuche, an den Glanz von einst anzuschließen, scheiterten. Die Eigentümer wechselten rasch, Geld für die dringend notwendige Modernisierung der Anlage nahm keiner von ihnen in die Hand. Im Dezember 2001 checkten die letzten Gäste aus, 2002 folgte im Rahmen eines Abverkaufs ein Großteil des Inventars. Bis auf mehrere nie verwirklichte Pläne, die von einer Renovierung bis zum Abriss reichten, ist es seither ruhig um das Haludovo. Offiziell zumindest.

€ 27,00
Franz. Broschur
16,8 x 24 cm; 208 Seiten
ISBN 978-3-222-13681-8
Erscheinungstermin: 30/08/2021
Jetzt vorbestellbar

Zeitzeugen zwischen Alpen und Adria

Zwischen Alpentälern und Adriaküste kommt man den Wechselfällen der Geschichte am besten an jenen Lost Places auf die Spur, die abseits touristischer Highlights ihre Patina bewahrt haben und sich gegen den Verfall stemmen: in ausrangierten Bahnhöfen und überwucherten Ruinen, längst geschlossenen Fabriken und unseligen Kriegsrelikten, tiefen Stollen und verlassenen Hotels.

Georg Lux und Helmuth Weichselbraun laden in ihrem aktualisierten Bestseller dazu ein, selbst nachzuspüren und zu entdecken: Mit fantastischen Fotos, die die Orte in ihrer ganzen Vergänglichkeit zeigen. In unterhaltsamen Texten, die in die Geschichte eintauchen lassen. Und natürlich direkt vor Ort – mit vielen Geheimtipps für alle Lost-Places-Fans.
Aus den Inhalt:
• Rätsel um die verschwundene Dobratsch-Höhle
• Die zerschossene Kapelle der vergessenen Seelen
• Ewige Blutspur auf Schloss Waldenstein
• Endstation für den alten Grenzbahnhof von Tarvis
• „Staatsbesuch“ auf Titos rostiger Jacht
• Im geheimen NATO-Kommandobunker im Kanaltal
• Kanufahrt durch das geflutete Bergwerk von Mežica
• Das verlassene Alcatraz in der Adria
• Alle Zimmer frei im Park Hotel Obelisco bei Triest

• Vergessene Orte, versteckte Ecken und fantastische Bilder entdecken
• Abenteuerliche Spurensuche in Kärnten, Friaul, Slowenien und Kroatien

Georg Lux und Helmuth Weichselbraun hatten sich den Lost Places schon verschrieben, bevor diese zum Trend wurden. Sie begeistern sich für die Geschichten hinter verfallenen Orten und vergessenen Stätten – immer auf der Suche nach dem Unbekannten. Hauptberuflich sind sie beide bei der „Kleinen Zeitung Kärnten“ aktiv: Georg Lux als Mitglied der Chefredation, Helmuth Weichselbraun als Redaktionsfotograf.

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