Leseprobe

Der befreite Mann Eine Leseprobe aus: Geht's noch von Lisz Hirn

"Es ist Aufgabe des Menschen, dem Reich der Freiheit inmitten der gegebenen Welt zum Durchbruch zu verhelfen. Damit dieser höchste Sieg errungen werden kann, ist es unter anderem notwendig,
daß Männer und Frauen über ihre natürlichen Unterschiede hinaus unmißverständlich ihre Brüderlichkeit behaupten."

Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht

...DIE AUTORIN und Ärztin Esther Vilar hielt in ihrer zum Klassiker avancierten Streitschrift »Der dressierte Mann« schon 1971 fest, dass die meisten Frauen, die sich für »emanzipiert« hielten, genauso dumm wie die anderen seien, aber nicht für dumm gehalten werden wollten. »Von Hausfrauen spricht sie [Anm.: die »emanzipierte« Frau] nur auf die abfälligste Art. Sie glaubt, allein, daß sie eine Arbeit ausführt, die auch eines Mannes nicht unwürdig wäre, mache sie intelligent.« Dabei verwechselten laut Vilar gerade die scheinbar Emanzipiertesten Ursache und Wirkung: »Die Männer arbeiten ja nicht, weil sie intelligent sind, sondern weil sie müssen.«95 Auch wenn viele ihrer Vorwürfe gegenüber Frauen überschießen, trifft Esther Vilar mit dieser Einschätzung einen wunden Punkt der bisherigen Emanzipationsbewegungen. Diese stellte im Wesentlichen immer nur die Emanzipation der Frauen in den Fokus, ohne zu berücksichtigen, dass nicht nur die Freiheit der Frauen durch die (ihrer) Männer, sondern auch die der Männer durch (ihre) Frauen begrenzt wird. Ein Versäumnis, das bis heute negative Konsequenzen hat.

DIE FREIHEIT DER FRAUEN – EIN HISTORISCHER RÜCKBLICK
Doch wagen wir einen kurzen Blick in die Vergangenheit, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen. In der neueren westlichen Geschichte gab es mehrere Phänomene, die man als Emanzipationsbewegungen bezeichnen könnte. Ein erster Vorläufer lässt sich im 12./13. Jahrhundert festmachen und ist in Fachkreisen als Beginenbewegung bekannt. Als Beginen wurden die weiblichen Angehörigen einer christlichen Gemeinschaft genannt, die ehelos und religiös, aber außerhalb eines Klosters ohne Ordensgelübde lebten. Ihre anfangs erfolgreiche Emanzipationsbestrebung fand innerhalb des kirchlichen Rahmens statt und stellte diesen sowie die patriarchale Autorität nicht infrage. Letztlich scheiterte dieses Sozialexperiment am katholischen Papsttum.
Die nächste Emanzipationsbewegung fällt mit der Französischen Revolution von 1789 zusammen. Die von den Revolutionären verabschiedete »Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte« galt nur für Männer, wurde aber schnell von Frauenrechtlerinnen wie Olympe de Gouges oder Philosophen wie Charles de Montesquieu für beide Geschlechter eingefordert. So verlangte de Gouges zu der Menschenrechts- auch eine Frauenrechtserklärung (Déclaration des Droits de la Femme), was ihr zum Verhängnis wurde. Ihre Forderung, männliche Privilegien abzuschaffen und Frauen Männern gleichzustellen, endete mit ihrer Enthauptung.
In Deutschland begann eine Frauenbewegung im weitesten Sinn erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei gab es zwei sehr unterschiedliche Strömungen. Die radikale Richtung propagierte eine Gleichheit der Geschlechter, sie forderte gleiche politische Rechte und berufliche Chancen. Der moderatere Flügel betonte weiterhin die Unterschiedlichkeit der Geschlechter. Die Mutterschaft wurde als höchste Erfüllung der Weiblichkeit gepriesen und die Liebe der Mutter zum Kind zur wichtigsten Beziehung erklärt. Die Forderungen beschränkten sich auf entsprechende Bildungsmöglichkeiten: Spezielle »Mädchenschulen« sollten die Kinder zu »Fraulichkeit« erziehen und Haushaltsfachschulen dienten anschließend als Vorbereitung für den »Beruf« der Mutter und Hausfrau. Die Forderung nach dem Wahlrecht auch für Frauen war in Deutschland eng mit der Arbeiterbewegung verknüpft, während sie im englischsprachigen Raum eher die Sache bürgerlicher Frauenrechtlerinnen war, der sogenannten Suffragetten.
Was wir heutzutage als »die Frauenbewegung« bezeichnen, begann Mitte der 1940er-Jahre in Frankreich. Durch gut vernetzte internationale Playerinnen wie die US-Autorin Betty Friedan und im Gefolge der 68er-Bewegung fand das Thema schließlich Eingang in die Massenmedien aller westlichen Länder. Dank Erfindungen wie der Pille und der Waschmaschine in den 1960er-Jahren erlangten Frauen nicht nur die Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit, sondern auch mehr freie Zeit. Sie konnten plötzlich wählen, nur noch jene Kinderanzahl zu bekommen, für die sie verantwortungsvoll sorgen konnten. Damit blieb ihnen die Option, eine Karriere zu verfolgen, die ihnen finanzielle Unabhängigkeit von ihren Ehemännern ermöglichte.
Diese wirtschaftliche Unabhängigkeit machte es möglich, neben der traditionellen Rollenverteilung von Mann und Frau auch das Patriarchat insgesamt massiv infrage zu stellen. Fraglich ist, ob die Frauenbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre ohne diese technologischen und medizinischen Meilensteine erfolgreich gewesen wäre, geschweige denn die Gleichstellung der Frau und ihre Rolle als Mutter je zum Politikum und zu einem Forschungsgegenstand eines »wissenschaftlichen Feminismus« geworden wäre.
Ob durch die #MeToo-Bewegung eine neue »postmoderne« Frauenbewegung ausgelöst wurde, ist weiterhin fraglich. Zu stark scheint der Fokus auf der sexuellen Ebene zu liegen, während die traditionelle Rollenverteilung im Gegensatz zur Bewegung der 1960er-Jahre kaum hinterfragt wird. Der Mann steht in der Debatte im Zentrum der (sexuellen) Geschlechterverhältnisse, die Frau nimmt (freiwillig) die passive Rolle ein. Nicht gerade das, was die früheren Frauenrechtlerinnen »emanzipiert« genannt hätten.
Dabei lässt sich durchaus an wissenschaftlichen Kriterien festmachen, ob Emanzipation geglückt ist. Zum Beispiel an der Fähigkeit, gesellschaftliche Funktionen und Positionen definieren, gestalten und auch verändern zu können. Dass die Frauen in den letzten Jahrzehnten in manchen gesellschaftlichen Bereichen das eine oder andere »männliche« Feld erobert haben, lässt sich nicht bestreiten. Trotzdem bleiben gerade die sozialen und schlechtbeziehungsweise unbezahlten Fürsorgefunktionen hartnäckig in Frauenhand. Auch bei den nächsten zwei Fähigkeiten, nämlich soziale Beziehungen aufzubauen, sie zu pflegen und aus dem souveränen Kontakt mit sozialen Partnern Profit ziehen sowie eine eigenständige, individuelle Lebensperspektive entwickeln zu können, hätten die meisten Frauen einiges nachzuholen. Frauen, die in und von einem religiös-patriarchalen Umfeld leben, sind hier gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen in liberalen und säkularen Gesellschaften deutlich im Nachteil. Eine eigenständige Lebensperspektive und unbefangene zwischenmenschliche Beziehungen lassen sich unter den Rahmenbedingungen und Geboten in einem sehr religiösen Umfeld kaum verwirklichen. Ebenso hindern konservative Rollen und religiöse Dogmen diese Frauen daran, unbefangen am kulturellen Leben einer Gemeinschaft teilzunehmen und dieses mitzugestalten, um ihre Bedürfnisse befriedigen und damit ihre eigene Existenz sichern zu können.

  • Lisz Hirn
  • Geht's noch!
  • Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist
€ 20,00
Hardcover
13,5 x 21,5 cm; 144 Seiten
ISBN 978-3-222-15030-2
Erscheinungstermin: 28/02/2019
Sofort lieferbar
€ 15,99
E-Book - EPUB
ISBN 978-3-99040-510-9
Erscheinungstermin: 27/02/2019
Sofort lieferbar
€ 15,99
E-Book - Kindle
ISBN 978-3-99040-511-6
Erscheinungstermin: 27/02/2019
Sofort lieferbar

Es ist wieder schick, konservativ zu sein

Es ist wieder schick, konservativ zu sein. Die neuen Biedermänner und Biederfrauen propagieren ein Weltbild, durch das alle verlieren werden: ein Gesellschaftsideal der 1950er-Jahre, das Männer und vor allem Frauen in alte Rollenbilder drängt. Kinder statt Karriere, Mutter statt Managerin? Damit nehmen nicht nur die Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern zu.
Die Philosophin Lisz Hirn zeigt auf, wie diese Entwicklung unsere offene, demokratische Gesellschaft bedroht. Und liefert Ideen, wie wir uns dagegen zur Wehr setzen können.

Pressestimmen:
"Dieses Buch, von dieser Philosophin, sollten unbedingt alle lesen." Rotraut Schöberl, Café Puls Puls 4

"Genau das will Hirn am Ende auch sein: Streitbar, provokant, dafür niemals langweilig." Barbara Tóth Falter  

Lisz Hirn (Dr.in Mag.a), Jahrgang 1984, studierte Philosophie und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu. Sie arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, u.a. am Universitätslehrgang »Philosophische Praxis« der Universität Wien unter der Leitung von Konrad Paul Liessmann. Sie ist Obfrau des Vereins für praxisnahe Philosophie und im Vorstand der Gesellschaft für angewandte Philosophie (gap). Artikel in diversen österreichischen Medien, unter anderem in »Die Presse«, »Wiener Zeitung« und »Der Standard«.

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Geht's noch!

€ 20,00
Hardcover
13,5 x 21,5 cm; 144 Seiten
ISBN 978-3-222-15030-2
Erscheinungstermin: 28/02/2019
Sofort lieferbar
€ 15,99
E-Book - EPUB
ISBN 978-3-99040-510-9
Erscheinungstermin: 27/02/2019
Sofort lieferbar
€ 15,99
E-Book - Kindle
ISBN 978-3-99040-511-6
Erscheinungstermin: 27/02/2019
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9783222150302 - Geht's noch!
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