Lost Places in der Steiermark

Gepflanzt

Das alte Gewächshaus des Botanischen Gartens in Graz war 25 Jahre lang ein Lost Place. Erst als die Entscheidung fiel, es auf dem Cover dieses Buches zu zeigen, begann die Sanierung.

© (c) Helmuth Weichselbraun Bild vergrößern Foto: (c) Helmuth Weichselbraun

Man kann sich auf die Politik einfach nicht verlassen! Das ist zwar keine Überraschung, aber immer wieder eine Erwähnung wert. Beispiele für Enttäuschungen lassen sich viele aufzählen, unseres dürfte aber zu den spezielleren gehören. Es geht dabei nämlichum eine grundsätzlich gute Nachricht: Nachdem Land und Stadt finanzielle Mittel zugesagt hatten, wurde im Frühling 2020 endlich die Sanierung des alten denkmalgeschützten Gewächshauses im Botanischen Garten der Universität Graz in Angri genommen.

Der historische Bau hatte zu dieser Zeit bereits 25 Jahre als Lost Place auf dem Buckel und einen von offizieller Seite genehmigten Besuch unsererseits. Ein dabei entstandenes Foto sollte es sogar auf das Cover dieses Buches schaffen – im blinden Vertrauen auf die Politik, dass man die Angelegenheit, wie in Österreich üblich, weiter auf die lange Bank schieben würde.

Nun haben wir den Salat (was von der Formulierung her wunderbar zu einem Gewächshaus passt): ein Buch über Lost Places mit einem Lost Place auf dem Cover, der kein Lost Place mehr ist. Theoretisch hätte sich das natürlich ändern lassen, praktisch haben wir uns dagegen entschieden. Das ist allerdings nicht geschehen, um Aufwand zu vermeiden, sondern weil die Fotos mittlerweile wirklich einzigartig sind. Dazu kommt die Geschichte des historischen Gebäudes, die in ihrem Auf und Ab das gelebte österreichische Hadern zwischen Bewahren und Vergessen perfekt widerspiegelt.

Diese Pendelbewegung endet meist vorübergehend im Stillstand, weil die Beteiligten die Hoffnung hegen, dass Gras über die Angelegenheit wächst. Das Gewächshaus war dafür am Ende zu groß, obwohl sich einige Pflanzen redlich bemüht und teilweise schon über das Glasdach hinausgereicht haben.

Der Botanische Garten wurde 1811 zu Lehr- und Forschungszwecken als Bestandteil des Joanneums gegründet. 1843 blühten dort laut zeitgenössischen Berichten bereits 8000 verschiedene Pflanzenarten. Ganz im Sinne seines Stifters Erzherzog Johann standen dabei aber nicht Exoten allein im Mittelpunkt.

Der Joanneumgarten sollte auch die heimische Landwirtschaft unterstützen, weshalb man dort veredelte Obstbäume zog und Tausende Stecklinge an die Bevölkerung abgab. Nach dem Tod von Erzherzog Johann begann das Projekt zu wackeln, weil –Überraschung – plötzlich die Politik mitmischte. 1887 beschloss sie die Verlegung des Gartens aus der Innenstadt, wo man die

 Grundstücke besser „verwerten“ konnte, an den Standort in der Schubertstraße.

Ausschlaggebend war dafür neben den städte baulichen Überlegungen die bis heute bestehende Nähe des Areals zur Universität. Mit dem Bau des Gewächshauses für den neuen Garten wurde 1888 begonnen. Die Pläne stammten vom Wiener Schlossermeister Ignaz Gridl, dessen „k.k. Hof-Eisenkonstructions-Werkstätte“ als ausführende Firma einschlägige Erfahrung mitbrachte. Sie hatte 1882/1883 das bis heute als solches genutzte Palmenhaus im Schlossgarten Schönbrunn errichtet.

In Graz stellte das Palmenhaus den erhöhten Mittelteil des Gebäudes dar, im Westen schlossen daran ein großes und kleines Warmhaus an, im Osten ein großes und kleines Kalthaus. Die finanziellen Mittel waren knapp, was danach vor allem im Zusammenhang mit der Heizungsanlage immer wieder zu Problemen führte. Und die Herausforderungen sollten noch größer werden: Im Ersten Weltkrieg mussten seltene Pflanzen notverkauft werden, um den Garten vor dem Ruin zu retten, im Zweiten Weltkrieg baute man Gemüse an, um die schlechte Versorgungslage zu verbessern. Von Bombenschäden blieben das Gewächshaus und die Freianlage verschont, weshalb man nach 1945 anderen Institutionen aushelfen konnte. Gleich zwei Mal schickten die Grazer einen Lkw mit je 150 Pflanzen nach Wien, wo das Palmenhaus und der Botanische Garten fast ihre gesamten grünen Schätze verloren hatten. Baulich veränderte sich in den Jahrzehnten danach wenig. Nur an der Heizung wurde immer wieder herumgeschraubt, allerdings mehr schlecht als recht.

Ab Ende der 1960er-Jahre ist in Berichten von einem „katastrophalen“ Zustand des Gewächshauses zu lesen. Trotzdem begann erst 1982 die Planung des Neubaus, mit der man den Grazer Architekten Volker Giencke beauftragte. Diskussionen um eine Erweiterung des Gartens und um die Finanzierung verzögerten das Projekt weiter. Da half auch ein Hilferuf der Natur nichts: Im extrem schneereichen Winter 1986 war die Heizung zu schwach, um das Dach des alten Glashauses abzutauen.

Ein drei Meter breiter Streifen der Konstruktion gab nach. Die Feuerwehr musste ausrücken und das Gebäude mit einer Plane abdichten. 1989 erfolgte der Spatenstich für die neuen, ineinander verschränkten Gewächshäuser. Sie wurden nach vielen Verzögerungen wegen laufender Baukostenüberschreitungen 1995 eröffnet. Architekt Giencke erntete für die drei schiefen parabolischen Zylinder aus Acrylglas international viel Anerkennung.

Sein Werk wirkt bis heute futuristisch und erinnert Besucher entweder an Seifenblasen, sinkende Eisberge oder an ein großes exotisches Tier. Im Inneren kann man auf Stegen und Holzbrücken durch die grüne Vielfalt aus vier Klimazonen wandeln, die Temperaturen zwischen acht und 24 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit zwischen 50 und 80 Prozent umfasst. Dafür sorgen einerseits die in der Tragekonstruktion integrierte Warmwasserheizung und andererseits ein Kühlungssystem, das bei Bedarf mikroskopisch feinen Wassernebel versprüht und die Gewächshäuser augenblicklich um fünf Grad abkühlt.

Und der Vorgängerbau? Das nun großteils leere alte Gewächshaus – die Pflanzen waren ja ins neue übersiedelt – sollte abgerissen werden. Dagegen liefen allerdings eine Bürgerinitiative und das Institut für Kunstgeschichte der Uni Graz Sturm. 2008 wurde das historische Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, was an seinem Zustand als Lost Place jedoch nichts änderte. Die Politik wurde, wie eingangs beklagt, erst aktiv, als das Cover dieses Buches feststand.

Zwei freuen sich trotzdem: das alte Gewächshaus auf eine Zukunft als „grünes Klassenzimmer“ beziehungsweise Veranstaltungssaal und der Fotograf über Aufnahmen, die ihm nun wirklich niemand mehr nachmachen kann.

(c) Helmuth Weichselbraun

 
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€ 27,00
Franz. Broschur
16,8 x 24,5 cm; 192 Seiten
ISBN 978-3-222-13662-7
Erscheinungstermin: 16/03/2021
Sofort lieferbar

Die vergessenen Orte der Steiermark

Stimmungsvolle Orte abseits touristischer Pfade, die dem Verfall preisgegeben sind: Lost Places geben Besuchern das Gefühl, in diesem Moment eine Geschichte festzuhalten, die bald endgültig vergessen sein könnte. Journalist Georg Lux und Fotograf Helmuth Weichselbraun spüren seit vielen Jahren genau diesen Lost Places nach. Mit beeindruckenden Fotos und der beliebten Mischung aus augenzwinkernder Leichtigkeit und hintergründigen Fakten nehmen sie uns dieses Mal zu geheimnisvollen Ruinen, leerstehenden Gebäuden und aufgelassenen Fabrikshallen mit. Sie gehen dabei nicht nur in der Steiermark des 21. Jahrhunderts auf Spurensuche, sondern auch in den slowenischen Regionen, die im Lauf der Geschichte einmal Teil der Steiermark waren.

Aus dem Inhalt:
• Dom des Waldes, Pack
• Trockengelegte Schwimmbäder, Eisenerz und Lassnitzhöhe
• Einsiedelei, Graz
• Gottverlassene Kirchen, St. Marein bei Neumarkt
• Unterirdische Flugzeugfabrik, Maribor
• Höhlenburg im Puxerloch, Teufenbach-Katsch
• Vergessene Gräber, Soboth und Maribor
• Römerhöhle, Aflenz an der Sulm
• Erdställe, Vorau
• Rostige Riesenbagger, Bärnbach und Voitsberg
• Bunker, Fürstenfeld und Peggau
• Und viele andere vergessene Orte

• Endlich: Die Lost-Places-Experten Lux und Weichselbraun erforschen die Steiermark
• Atemberaubende Fotos von verfallenen Schlössern, Industrieruinen und verlassenen Hotels

Georg Lux, Bergwanderführer und Newsdesk-Chef der »Kleinen Zeitung«, und Helmuth Weichselbraun, Redaktionsfotograf der »Kleinen Zeitung«, veröffentlichten bei Styria gemeinsam bereits mehrere Bücher, zuletzt erschien von ihnen der Band „Vergessen & verdrängt. Dark Places im Alpen-Adria-Raum".

Blick ins Buch

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Lost Places in der Steiermark

€ 27,00
Franz. Broschur
16,8 x 24,5 cm; 192 Seiten
ISBN 978-3-222-13662-7
Erscheinungstermin: 16/03/2021
Sofort lieferbar
9783222136627 - Lost Places in der Steiermark
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